Jetzt in diesen saueren Zeiten

Leben in Butzbach um 1600

Vortrag gehalten am 14. Januar 2010 (Bund für Volksbildung und Geschichtsverein Butzbach)

von Gail Schunk

Ich hatte mir immer gewünscht, einen Tag in der Zeit um 1600 zu verbringen: Die Musik zu genießen und die Alltagsobjekte zu benutzen. Die prächtig bemalten Schüsseln und die feinen hellgrünen Gläser in die Hand zu nehmen. Die geschnitzten Verzierungen an Haus und Mobilar dieser Zeit zeigt das handwerkliche Können der damaligen Menschen. Es war auch die Zeit der ersten wissenschaftlichen Diskussionen, die zum Teil universal geführt wurden. Durch die Beherrschung des Lateins konnten Wissenschaftler überall in Europa miteinander diskutieren. Es war vor allem eine Zeit der verfeinerten Esskultur. Ein Ratsschmaus ohne Zitronen und andere südländischen Zutaten war kaum denkbar. Dies wissen wir auch aus den Stadtrechnungen von Münzenberg. Es gab Gartenkulturen, in denen neue Gemüsesorten und Salate aus den Südländern angebaut wurden. Das Flüsschen Wetter war noch in Ordnung und lieferte Fische und Krebse. Die ersten Insassen verließen das Wendelhospital nicht wegen fehlender Pflege, sondern weil das Hospital mit seiner konsequenten mittelalterlichen Kost aus getrockneten Bohnen und Erbsen den Pfründnern einfach nicht mehr geschmeckt hatte. Erst gegen 1620 passte sich das Hospital an die neuzeitlichen Eßgewohnheiten etwas an.

Als ich dieses Zeitalter im Hinblick auf das heutige Thema - Butzbach am Vorabend der Gründung der Landgrafschaft Hessen-Butzbach - näher zu untersuchen begann, stellte ich fest, die Zeit um 1600 war einfach schrecklich!

Politisch wurde Hessen in dieser Zeit durch zwei Landgrafen beherrscht. Beide waren hoch intelligent und sehr ehrgeizig. Landgraf Moritz von Kassel ging in die Geschichtsbücher als „Moritz der Gelehrte“ ein.

Er zeichnete, komponierte, führte wissenschaftliche Gespräche und neigte zum Kalvinismus. Sein Vetter, Landgraf Ludwig V. von Darmstadt, war ein machtpolitisch denkender Herrscher, dessen Hauptinteresse, die Ausdehnung seiner Macht durch politische Bündnisse, über der Liebe zur Familie stand. Er blieb zeitlebens ein strenger Lutheraner klassischer Prägung. Beide Landgrafen fühlten sich der Weiterführung Hessens als Gesamtterritorium, wie dies durch Landgraf Philipp den Großmütigen testamentarisch niedergelegt war, verpflichtet. Aber die Welt hatte sich in den etwa 50 Jahren seit der Veröffentlichung des Testaments verändert. Das Land der Hessen war auch größer geworden.

Den ersten Anlaß für Streit zwischen den beiden hessischen Fürsten lieferte der 1603 erfolgte Tod Landgraf Ludwigs IV. von Hessen-Marburg, in dessen Landgrafschaft Butzbach lag. Es war nicht nur die Frage, wer wieviel und was bekam. Landgraf Ludwig von Marburg und dessen früh verstorbener Bruder Philipp von Rheinfels, verfügten bei Reichstagen über das Stimmrecht als Reichsfürsten. Die Übernahme dieser Stimmen bedeuteten für die Inhaber den Titel eines Reichsfürsten. Diese Stimmen beanspruchte Landgraf Ludwig V. von Darmstadt für seine Brüder Philipp und Friedrich, da beide volljährig waren, aber in der Erbfolge in Darmstadt durch Ludwig ausgeschlossen wurden. Es sollte eine Art Ausgleich sein. Weiterer Streit entstand, da die staatstragenden Institutionen, das Hofgericht in Marburg, die Landesuniversität ebenfalls in Marburg, und der Landtag nicht teilbar waren. Außerdem lehnten der Adel und die Städte eine Teilung ab.

Da der Landtag Steuern und Sonderausgaben genehmigen mußte, waren beide Landgrafen von ihm abhängig. Als Philipp der Großmütige sein Land teilte, war Kassel eindeutig gegenüber den anderen Teilen größer, reicher und mit vielen Vorrechten ausgestattet. 1609 dagegen standen sich zwei etwa gleichgroße hessische Staaten gegenüber: Hessen-Darmstadt wurde gegründet aus der Obergrafschaft Katzenelnbogen, Starkenburg und anderen Territorien, die hauptsächlich von den Marburger Landgrafen erworben wurden; Hessen-Kassel dagegen aus den althessischen Gebieten. Aber es gab keinen Zweifel, 1609 fühlten sich alle Einwohner auf hessischem Gebiet als Hessen. Die Teilung der Marburger Erbschaft wurde endgültig am Ende des Dreißigjährigen Krieges entschieden.

Etwa zu gleicher Zeit entstand der nächste Grund für eine Scheidung der Hessen. Nach der Besetzung der Reichsstadt Donauwörth und ihrer Rekatholisierung durch bayerische Truppen, gründeten Kurpfalz, Hessen-Kassel, Brandenburg-Ansbach, Württemberg, Baden-Durlach und Brandenburg-Kulmbach die evangelische Union zur Wahrung der protestantischen Interessen im Reich. Hessen-Darmstadt wurde nicht gefragt. Moritz suchte Bündnispartner im Ausland, um sich gegen den Kaiser zu rüsten und ging davon aus, dass er auch für das gesamte hessische Land sprechen könnte. Ludwig V. war entsetzt darüber und antwortete ihm mit zunehmender Annäherung an den Kaiser. Für Ludwig war der Kaiser, egal welche Politik er betrieb, immer noch das gewählte Staatsoberhaupt.

Als Realpolitiker begriff Ludwig, dass Frankreich und die Niederlande die schlechtesten aller Verbündeten waren. Zwischen Frankreich, den Niederlanden und Hessen wollte Ludwig eine Pufferzone einrichten. Er schloss Allianzen mit den rheinischen Bistümern Mainz, Trier und Köln, da Straßburg bereits mehr oder weniger an Frankreich verloren war.

Ludwig und Moritz sprachen 1611 das letztemal miteinander. In der Zeit um 1603 war Moritz noch sicher gewesen, dass er Ludwig auf seine Seite hätte ziehen können, wenn er, Ludwig, nicht auf der Seite von Philipp (der mit dem krausen Haar) stand oder gestanden hätte. Damit hat er Philipp, der sich nachher „von Butzbach und der III. nannte“, gemeint.

Butzbachs politische Bedeutung für das Land Hessen in der frühen Neuzeit ist noch weitgehend unbekannt.

Der Historiker Eduard Otto, der die Geschichte Butzbachs im Mittelalter im Jahr 1893 veröffentlicht hatte, sagt darin wenig über das politische Leben Butzbachs aus.

Spätestens um 1470 steuerte der Stadtrat bewußt auf die Zugehörigkeit zu Hessen hin. In den Stadtrechnungen des 15. und 16. Jahrhunderts treten die Bürger Butzbachs als Mittler zwischen Hessen und der Wetterauer Grafenvereinigung auf. Die Stadt verhält sich weitgehend neutral gegenüber den Stadtherren und bietet sich als Verhandlungsort zur Beilegung von Streitigkeiten zwischen den Landgrafen von Hessen und Mitgliedern der Grafenvereinigung an. In Butzbach wurden nicht nur hessische Landtage abgehalten, hier tagte auch die Wetterauer Grafenvereinigung. In Butzbach trafen sich also Freund und Feind.

Ein ausgeklügeltes System von sozialen und finanziellen Institutionen ermöglichte es der Stadt Butzbach, die Krisen des 16. Jahrhunderts zu meistern, wenn auch nur unter großen Anstrengungen: Das Hospital mit angeschlossenem Siechenhaus sorgte für die Alten und Kranken, Hausarmen und Waisen. Auch die Markuskirche mit ihren angeschlossenen Stiftungen kümmerte sich um die Armen und Kranken. Die Stadt selbst betreute Stiftungen für Minderbemittelte. Markuskirche und die Stadt förderten auch Stiftungen, die Vorräte (hauptsächlich Lebensmittel) für schlechte Zeiten anlegten. Das Hospital und die Markuskirche waren zudem Kreditgeber und Immobilienhändler. Die Stadt, besonders nach Pestepidemien, trat ferner als Immobilienmakler auf. Mit derartigen Steuerungsmechanismen befand sich die Stadt in der Lage, dem wachsenden Druck der Bevölkerung entgegenzutreten. Dieser Druck wurde überraschenderweise nicht von einer brodelnden Unterschicht, sondern von der Oberschicht erzeugt. Im 15. Jahrhundert gab es in Butzbach keine Kaufmannsschicht, wie in den meisten anderen Städten, und die Handwerker der Stadt sahen sich oft von auswärtigen Kaufleuten bevormundet. Die Stadt unterstützte daher einheimische Kaufleute durch Erschließung von Äckern, Wiesen und Gartenland, die hauptsächlich an sie verkauft oder verliehen wurden. Dafür übernahmen diese Butzbacher Kaufleute die Verwaltung der Stadt. Spätesten um 1607 breitet sich eine Verdrossenheit unter den Beteiligten aus. Einige versuchten mittels Petition an die Stadt aus der Verwaltung auszusteigen; andere weigerten sich ein Amt zu übernehmen. Die Stadtherren sorgten dafür, dass die Reihen der Schöffen und Ratsherren unter Gewaltandrohung und hohen Strafen besetzt wurden. Was war passiert?

 

Die kleine Eiszeit

In der Zeit zwischen dem 15. und 19. Jahrhundert wurde das Klima merklich kühler. Man spricht heute von der kleinen Eiszeit, die auch erhebliche Klimaschwankungen hervorrief. In der Zeit zwischen 1565 und 1640 waren im Winter in den Niederlanden z. B. die Kanäle zugefroren. In den Butzbacher Bürgermeisterrechnungen wird ab 1572 regelmäßig über starke Fröste berichtet. Die Sommer waren oft sehr trocken und im Herbst traten starke Regenfälle auf. Der trockene Boden konnte die Wassermengen nicht mehr aufnehmen, so dass bei eintretenden Frösten eine geschlossene Eisdecke entstand. Die Wintermonate wiederum waren sehr schneereich.

Am 14. November 1601 war der Butzbacher Geschäftsmann Johann von Rehe zu Fuß von Niederkleen nach Butzbach unterwegs. Er erfror am Waldrand bei Kirch-Göns.

Diese Kältezeit traf die Butzbacher Bevölkerung unerwartet: die Wasserrohre platzten, die Fischteiche und Brunnen froren zu, die Straßen verwandelten sich in Eisbahnen. 1581 wurde ein Mauerstück am Griedeler Tor und das Pflaster am Wetzlarer Tor unterspült. Regelmäßig wurden Brücken vom Wasser weggespült. Im Jahr 1600 musste die Markuskirche auf den Kirchenzehnt gänzlich verzichten, da Hagelschlag die gesamte Ernte in der Region weitgehend vernichtete. 1602 gediehen im Butzbacher Raum weder Obst noch Kastanien oder Nüsse. Für die anstehende Bürgermeisterwahl mussten ausländische Waren eingekauft werden. 1604 wurde der Johannesturm (einer der zwei Türmchen der Markuskirche) durch Unbilden des Wetters stark beschädigt. Am 17. März 1606 wurde die hohe Spitze des Glockenturms an der Markuskirche weggefegt.

1589 und 1608 musste das Wendelinshospital wegen Wassermangels der Wetter das Getreide in Grünberg mahlen lassen. Auch die Stadt Butzbach ließ den Vorrat an Korn dort mahlen. Außerdem lieh sich die Stadt Bohrgerät von der Gemeinde Wohnbach aus, um die Brunnen in Zeiten des Wassermangels vertiefen zu können.

1590 wurde fast die gesamte Ernte des Hospitals durch Wassermangel vernichtet. Bedingt durch diese Katastrophe musste man die Lebensmittel sehr teuer einkaufen. Die Pferde wurden verkauft und die Äcker auf einige Jahre hin an einen Pächter übertragen. Nur so konnte genug Geld aufgebracht werden, um die Hospitalinsassen zu ernähren.

Man bedenke, dass die Wetterverhältnisse in Butzbach jedoch wesentlich besser waren als im Vogelsberg oder im Taunus. Gelegentlich versuchten Fremde auf dem Butzbacher Wochenmarkt größere Mengen Lebensmittel ohne Erlaubnis des Marktmeisters zu erwerben. So hat man im Jahr 1593 zwei Männer aus Griedelbach zu zwei Gulden Strafe verurteilt, weil sie zu viel Butter eingekauft hatten. Und die Rockenberger Nonne und gebürtige Butzbacherin Margarethe Runckel zahlte eine Strafe für zwei Frauen, die unerlaubt auf den Stoppeläckern Ähren aufgelesen hatten. Auch die Einwohner, die von der Leinweberei lebten, waren von den Unbilden des Wetters stark betroffen. Bislang hatten sie ihren Flachs in der Kleinbach eingeweicht.

Im Sommer führte die Kleinbach fast kein Wasser und im Winter war sie vereist.

Die Stadt hatte im 16. Jahrhundert die Stadtgräben zum Teil zuschütten lassen. Um große Mengen Herbstregen auffangen zu können, mussten vor den Stadttoren Teiche und Gräben ausgehoben werden. Jedes Jahr aufs neue wurden die Brunnenröhren und Kendeln erneuert, die Gräben wieder ausgeworfen, die Brücken aufgebaut und die Teichufer gesichert. Auf den morastigen Landstraßen um Butzbach wurden Bohlen verlegt.

Man bemühte sich, für die nicht gepflasterten Straßen der Innenstadt Pflasterer zu finden. Die Langgasse wurde erst 1625 gepflastert.

 

Waldschäden

In engem Zusammenhang mit der kleinen Eiszeit standen die Schäden im Butzbacher Wald. Er wurde von zwei städtischen Förstern beaufsichtigt und auch der „ehrbare Rat“ der Stadt Butzbach besichtigte den Wald mehrmals im Laufe eines Jahres. 1591 wird berichtet, dass 200 Bäume einem Sturm zum Opfer fielen. Nach dem 11. November (Martini) 1601 meldete man wieder starken Windbruch. Auch der Sturm, der 1606 den Glockenturm der Markuskirche beschädigt hatte, hinterließ im Wald massiven Windbruch, so dass man noch viele Jahre danach mit Aufräumarbeiten beschäftigt war.

Die Schäden durch diese Naturereignisse waren aber nur ein Teil der entstandenen Waldschäden. Die meisten Bäume, die dem Windbruch zum Opfer gefallen waren, nutzte man als Bauholz, denn mit dem Bauholz verdiente die Stadt das meiste Geld. Durch die vielen Stadtbrände, von denen der Brand von 1603 der größte war, brauchte man viel Bauholz; ebenso für bauliche Veränderungen, bedingt durch die starke Fluktuation der Bevölkerung. Man war froh, wenn ein leerstehendes Haus bezogen wurde. Das neue Fürstentum Hessen-Butzbach und seine fürstlichen Beamten verlangten nach viel Bauholz.

Das Stehlen von Holz war an der Tagesordnung. Man durfte deshalb im Wald nur sogenanntes Leseholz holen. Ab etwa 1608 lieferten dafür Beauftragte das Brennholz. Auch die Förster wurden ermahnt, kein Holz zu entwenden. Trotzdem stieg der Verlust an Holz noch stark an. Man versuchte nun diesen Missstand so schnell wie möglich in den Griff zu bekommen: Es wurden sogenannte “Rotten” gebildet, die das Holz fällten und stapelten und abfuhren. Als das Vertrauen in die Holzlieferanten schwand, ließ der Bürgermeister 1625 das Holz durch seine Angestellten den Bürgern persönlich bringen.

Die Unkenntnis der Bürger von Holzfällarbeiten verursachte noch weitere Schäden am Baumbestand. Nach (Neu-)Rodungen im späten 16. Jahrhundert legte man neue Äcker, Weingärten und Wiesen an, auf Kosten des Waldbestandes. Jahr für Jahr trieben die Bürger ihr Vieh zur Eichelmast in den Wald. Der steigende Fleischkonsum brachte es mit sich, dass immer mehr Vieh in den durch die Rodung kleiner gewordenen Wald getrieben wurde: 1541 waren es von 365 Haushaltungen 165 Schweine und 139 Kühe, 1602 waren es von nur 291 1/2 Haushaltungen aber 457 Schweine und 296 Kühe. Nach der Ernte durften die Metzger ihre eigenen Rinder- und Schafherden durch die Feldflur treiben. Bedingt durch den gestiegenen Bedarf an Vieh, kauften vor allem die Metzger wahllos Vieh ein. Manche Tiere trugen bereits Krankheiten in sich, andere steckten sich an und wurden auch krank durch die schlechte Viehhaltung. Die Hirten beschwerten sich regelmäßig über die Konkurrenz der Metzger und deren schlechte Viehhaltung, da auch ihr Vieh krank wurde.

1602 z. B. weidete so viel Butzbacher Vieh in der Gemarkung, dass die Verpachtung von Wiesen an die Pohl-Gönser und Griedeler Schäfer nicht mehr möglich war. Dies war umso schmerzhafter für die Griedeler, da zu dieser Zeit fast das ganze freie Gelände Griedels als Ackerland genutzt wurde; Wiesen gab es nur noch an der Schorbach. Für die Griedeler Bürger bedeutete diese Absage, dass sie ihr Heu für den Winter kaufen mussten.

Am Ende des 16. Jahrhunderts wurde die sogenannte Kipper- und Wipper-(unterwertiges Geld) Zeit eingeleitet.

Durch die Vielzahl von Münzherren, die das Privileg der Münzprägung vom Kaiser besaßen, wurde der Silber- und Goldgehalt der Münzen immer geringer. 1581 mussten die Butzbacher Bürger für die herrschaftlichen Abgaben von 166 Gulden 8 Turnose als Ausgleich für die Entwertung des Geldes einen Aufschlag von 5 Gulden 8 Turnose bezahlen. 1603 waren es etwa 2 Gulden als Ausgleich und 1604 waren es über 28 Gulden. 1610 betrug der Ausgleich für das Geldwechseln 68 Gulden. Die Schulden wuchsen. Dem älteren Bürgermeister im Jahr 1616/17 fehlten 142 Gulden laut Stadtrechnung. Offensichtlich war es auch nicht möglich, einen Kreditgeber zu finden. Erst ein Jahr später war einer der Schöffen bereit, die offene Rechnung zu begleichen und einen Schuldschein der Stadt dafür zu akzeptieren. Die Schöffen und Ratsherren hatten es langsam satt, immer den Kopf für solche Missgeschicke hinzuhalten. Im Ratsprotokoll ist zu lesen, dass 40 ratsfähige Bürger als herrschaftliche Beamte die Steuerfreiheit genossen und trotzdem von städtischen Ämtern verschont wurden.

 

 Der große Brand von 1603

Die große Feuersbrunst im Bereich der Griedeler Straße war für die weitere Entwicklung der Stadt ein besonders schwerer Schlag. Ein Knecht hantierte leichtsinnig mit Feuer, was zu dem Brand führte. Durch starke Windböen griff das Feuer schnell um sich. Über 100 Wohnhäuser, Scheunen und Stallungen lagen in kurzer Zeit in Schutt und Asche. Ferner wurde das Königsteinische Schloss in Mitleidenschaft gezogen. Die drei Stadtherren stellten der Stadt einen Brandbrief aus, womit man in Oberhessen und seiner Umgebung um Unterstützung bitten durfte. Mit dem Wiederaufbau der Häuser wurde sofort begonnen, aber man war bis 1609 damit beschäftigt, ohne dass alle Baulücken in den nächsten Jahren geschlossen werden konnten, da die Bevölkerung in den Jahren vor dem Dreißigjährigen Krieg weiter schrumpfte.


Getreidepreise

1561 hatte Katharine, Witwe des Nicholas Sack, der Stadt Butzbach eine erhebliche Geldsumme hinterlassen, um Getreidevorräte kaufen zu können. Daher konnte die Teuerung nach Ernteausfällen durch die Sackische Stiftung und durch Naturalien von Pächtern der Ländereien der Markuskirche gemildert werden. Als Hauptgläubiger der Grafen von Solms gingen die Grundstückserträge der Grafen im Raum Butzbach an die Markuskirche und das Hospital S. Wendel. Die Getreidepreise blieben noch einige Jahre sehr hoch. In den Jahren um 1600 wurden die Bäcker bestraft, weil sie zu kleine Brötchen backten. 1596 wurden sie bestraft, weil sie an manchen Tagen gegen das Gesetz kein Brot auf dem Markt brachten. In diesen Jahren konnte kein Mehl gekauft werden, weder in der Stadt noch auf dem Land.

Das größte Problem bestand darin, dass die Preise für landwirtschaftliche Erzeugnisse weiterhin starken Schwankungen unterlagen. Deutlich werden die Schwankungen an Hand von Entlohnungen in Naturalien. 1574 gab die Stadt 27 Gulden für 12 1/2 Achtel Korn für die Gemeindeschweinehirten aus, 1608 35 Gulden und 1611 waren es 58 Gulden. Die Stadt hatte ihr Getreide aus der Sackischen Stiftung gekauft. Vermutlich zahlte man anderswo auf dem freien Markt bedeutend mehr. Solche Preisschwankungen bereiteten dem Hospital S. Wendel finanzielle Schwierigkeiten, weil ein Teil der Lebensmittel auf dem Markt oder bei den Butzbacher Kaufleuten gekauft werden musste. 1606 und 1607 wurden offensichtlich gute Ernten eingefahren.

Der Preis für ein Achtel Korn sank auf etwas mehr als einen Gulden. 1607 schenkten die Grafen von Solms der Markuskirche 100 Achtel Korn zum Wiederaufbau des Glockenturms. Die Bürger der Stadt hatten in dieser Zeit genügend eigenes Korn zur Verfügung und wollten kein zusätzliches Getreide kaufen, also wurde aus der Schenkung nichts. Man kann nicht behaupten, dass die Bevölkerung in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts ärmer geworden wäre. Im Jahr 1572 bezahlten 56% der Steuerzahler Butzbachs 11 Turnose Steuer oder weniger. Sie galten als arm. 1606 sank dieser Zahl auf 38 %. Diese Zahl blieb bis mindestens 1612 konstant unter 40 %. Die Löhne der Handwerker während dieser Zeit blieben gleich. Die Lebensumstände waren schlicht unberechenbar geworden.

 

Die Pest

Heimgesucht wurde Butzbach von schweren Pestepidemien 1574, 1582, 1596, 1599, 1607, 1609-1611. Das brachte mit sich, dass kein Katharinenmarkt in diesen Jahren stattfand. 1583 und 1584 wurden die Gießener Bürger gebeten, wegen der in Gießen herrschenden Pest den Butzbacher Markt nicht zu besuchen. Was solche Ausfälle für Händler und Kunden bedeutete, kann man sich vorstellen. Fiel der Markt aus, ging man von Dorf zu Dorf, um Vorräte und Vieh einzukaufen.

In diesen Zeiten gab es auch die kleinen Helden wie Lorentzen Geel, die 1582 von den Steuern befreit wurde, weil sie die Kranken und Sterbenden betreute. Der Bürger Hehr Hansen starb 1574 an der Pest während seines Turmwächterdienstes. Keiner wollte ihn dort bergen. Im gleichen Jahr wichen wegen der Pest die Ratsmitglieder nach Pohl-Göns aus. Nur die Bürgermeister blieben in der Stadt, um ihren Verpflichtungen nachzukommen. Ganze Familien starben aus. Man versuchte eine gewisse Ordnung aufrecht zu erhalten. Die Bürgermeister hielten ihre Sprechstunden, die Förster belieferten auch die Pestkranken mit Brennholz. Schwangere Pestkranke brauchten eine Hebamme.

Heutige Wissenschaftler sind der Meinung, dass die Pest dieser Jahre nicht wie in früheren Zeiten von Ratten verbreitet wurde. Die Pest nach 1500 wurde von Mensch zu Mensch verbreitet und war deswegen hoch ansteckend.

Die Insassen des Hospitals blieben weitgehend von den sogenannten Pestzügen verschont, aber der Pestzug von 1607/8 brachte noch weitere Krankheiten mit sich. Aus Angst vor Ansteckung wurden sehr wahrscheinlich die allgemeinen hygienischen Maßnahmen vernachlässigt. In Münzenberg und Nieder-Weisel brach z.B. der Aussatz aus. Viele Hautkrankheiten wurden als Aussatz bezeichnet. In diesen Fällen handelte es sich wahrscheinlich um Lepra. Diese Kranken wurden ins Butzbacher Siechenhaus überführt.

Erst die Pest von 1610 und 1611 traf das Hospital schwer. Es überlebten nur wenige. Die Rechnungen des Hospitals belegen dies sehr eindrucksvoll. Leere und Hoffnungslosigkeit begegnet man auf jeder Urkundenseite.

Ein ganz besonderes Bild prägt sich ein: Ein Mann im Hospitalgarten sägt Brett für Brett. Es ist Dietrich Conradi aus der alten Butzbacher Ratsfamilie Wacholder. Schwer mitgenommen vom Brand des Jahres 1603, zog er sich aus dem öffentlichen Leben zurück und ging ins Hospital. Jetzt im Oktober 1611 trägt er sicher die Pest in sich, aber er zimmert weiter an den Särgen für die Pestopfer des Hospitals in der Erkenntnis, dass auch er in wenigen Tagen tot sein wird.

Der Rechner der Almosenstiftungen der Markuskirche vermerkt, dass die Stiftungsregister geschlossen wurden, weil keiner Almosen „begehrte“. Hinterfragt man diese lakonische Bemerkung, stellt man fest, dass der ältere Almosenpfleger, Johann Grüninger, gestorben war. Weder die Erben noch der jüngere Almosenpfleger Johann Adam Rumpf, waren bereit, 18 Gulden Fehlbetrag auszugleichen. Es entstand ein langwieriger Streit zwischen den beiden Almosenpflegern bzw. ihren Nachkommen und dem Rat der Stadt, die vor den herrschaftlichen Beamten ausgetragen wurde. Dabei gehörte Hans Adam Rumpf zu den Gewinnern dieser Zeit.

In sechs Jahren hatte sich sein steuerliches Vermögen fast verdoppelt. Er war nicht mehr nur „wohlhabend“ sondern „reich“. Der Rat beschloß kurzerhand, dass Almosenempfänger die Pesttoten begraben sollten. Hierauf „begehrte“ niemand mehr Almosen.

 

Finanzskandale

Der größte Finanzskandal in Butzbach nach 1600 betraf den Fall Sebastian Seifried. Die Ursache war schlechte Buchhaltung und Ämterhäufung. Seifried wurde etwa 1550 geboren. Er wurde Unterschulmeister und später Oberschulmeister, Stadtschreiber, Ratsmann und Gerichtschöffe. Von 1576 bis 1599 war er Stadtschreiber, dann wurde er von Hans Georg Schott, Ehemann seiner Stieftochter, abgelöst. 1576 wurde er als Ratsherr aufgenommen. 1586 ist er nachweislich als Schöffe tätig. Auffallend lang war die Liste seiner Patenkinder, die ihn in Verbindung mit jedem Prominenten in der Stadt brachte. Bürgermeister wurde er im Jahr 1601. Die Verbindung seiner Tätigkeit als Ratsherr, Schöffe und Stadtschreiber verschaffte ihm Zugang zu allen städtischen Unterlagen, die er größtenteils auch selbst gesammelt und geschrieben hatte. 1606 kannte er die meisten Butzbacher von Kindesbeinen an, überblickte ihre Vermögensverhältnisse, und bei Sterbefällen durfte er als Vormund für die Kinder eingesetzt werden. Es fand keine Sitzung ohne ihn statt.

Als Ratsherr übernahm er auch die Verantwortung turnusgemäß als Baumeister der Markuskirche oder des Wendelshospitals und für die Sackische Stiftung. Sicherlich war er in Pestzeiten für mehrere seiner Patenkinder auch Vormund. Er starb am 21.11.1607 an der Pest und wurde im offenen Sarg aufgebahrt. Seifried war sicherlich von der Krankheit sehr entstellt gewesen, so dass der Rat den Schülern, die im Chor sangen, den Anblick ersparen wollte. 6 Monate später verlangte der Rat eine Kopie des Testaments. Die Ratsherren hatten alle Rechnungen geprüft und festgestellt, daß besonders aus der Sackischen Stiftung große Getreidemengen fehlten und Unstimmigkeiten bei der Almosenstiftung und der Wendelinsspitalkasse auftauchten. Es kamen noch die privaten Gläubiger dazu. Unter anderem hatte Seifried viel Land gekauft, aber nicht bezahlt.

Seifried hatte offensichtlich Rechnungen gefälscht und Güter seiner Mündel erschwindelt. Anscheinend konnte Sebastian Seifried nicht mit Geld umgehen, ihm ist einfach eine große Menge zwischen den Fingern zerronnen.

Nach zweijährigen Nachforschungen konnte die Stadt eine neunzehnseitige Auflistung der Schadensforderungen dem Schwiegersohn Hans Georg Schott präsentieren. Die genaue Summe ist nicht überliefert. Es gibt keine Beweise dafür, dass Schott von den Machenschaften seines Schwiegervaters wusste.

Schott war durch die enormen Schulden krank geworden und mit den Nerven am Ende. Die privaten Gläubiger, wie z.B. die Metzger, ließen ihr Vieh illegal auf Schotts landwirtschaftlich genutzten Ländereien weiden. Das gesamte Vermögen der Familie Schott wurde zur Beute der Gläubiger. Schott kümmerte sich um nichts mehr. Die pflegebedürftige Witwe des Sebastian Seifried hauste im Schmutz. Eine junge Frau, die in dem Haus wohnte, beschwerte sich bei der Stadt, dass der Geruch unerträglich und die Räume unbeheizt seien. Schott hatte 1608 wieder geheiratet und hatte aus dieser Ehe eine zweite pflegebedürftige Schwiegermutter bekommen. Daraufhin wurden seine Kinder auf Anordnung der Stadt unter Vormundschaft gestellt.

Man hatte Mitleid mit Schott und gab ihm 1609 einige Schreibaufträge, als Stadtschreiber wollte man ihn aber nicht mehr anstellen. Bereits im Jahr 1603 hatte Schott ein Buch mit eigenen Kompositionen über die Psalmen in Frankfurt drucken lassen. Die städtischen Rechnungen bezeugen jedoch keinerlei musikalische Tätigkeiten des Hans Georg Schott. 1611 beauftragte die Stadt Schott eine „Carmina“ an den Landgrafen zu schreiben. Vielleicht hatte Landgraf Philipp ihn aus Mitleid zum Hofkapellmeister ernannt. Schott starb 1614.

 

Rückgang der Zünfte

Der Finanzskandal, die Brände in der Stadt, der schlechte Zustand des Waldes, die mangelnde Bereitschaft als Schöffe und Ratsherr zu dienen, die Pestpandemie, auch der Niedergang der Zünfte trugen mit zu den gravierenden Problemen der Stadt bei: 1611 stellte der Bürgermeister fest, dass „der wenigst Teil unser Bürger zünftig ist.“ Mit dieser Erkenntnis kommt der Bürgermeister etwa zwanzig Jahre zu spät. Die einst mächtige Wollenweberzunft war seit etwa 1570 im Auflösungzustand. Erinnert sei an Balthes Drach, der zwar in den 1580er Jahren den Beruf eines Wollenwebers erlernt, aber nie ausgeübt hatte. Dessen Söhne hatten nicht einmal ein Handwerk erlernt mit der Begründung, dass das Handwerk allein sie nicht ernähren könnte. Dazu kamen die hohen Gebühren und der Zeitaufwand für Versammlungen u.s.f., die die Zünfte verlangten.

Um 1600 bezeichnen sich nur zwei Bürger als Schreiner. Die Stadt selbst hatte diese Entwicklung gefördert mit ihrer Politik, nichtzünftige Tagelöhner zu beschäftigen. Besonders bei Bauarbeiten waren fast ausschließlich Tagelöhner und Handlanger beschäftigt.

Mit dem Niedergang der Zünfte zerfiel auch die Solidarität unter den Bürgern.

Die Anordnungen des Rats wurden von den Zünften verbreitet. Sie beteiligten sich am öffentlichen Leben und sorgten für notleidende Mitglieder. Sogar die Beerdigungen der Mitglieder und die Versorgung der Witwen und Waisen gehörten zum Handwerk. Dies fiel jetzt alles weg. Als erste Maßnahme wurden Ratsverkündigungen nicht mehr durch die Zünfte weitergegeben, sondern am Rathaus angeschlagen. Die Bürgermeister versuchten, die Stadt nach Brunnengesellschaften, dann nach “Rotten” und nach “Gassen” zu organisieren.

Diese Versuche schlugen fehl, weil die organisierten Gruppen zu wenig homogen waren.

Als Resultat mussten die Bürgermeister auch die Beerdigungen organisieren, sich um die Hinterlassenschaften der Verstorbenen kümmern und die Vormundschaftsvertreter der Kinder bestellen. Dadurch wurden auch die Ratssitzungen zur Bühne für Familienstreitigkeiten: Die streitenden Parteien veränderten sich im Laufe der Pestjahre: waren es um 1606 Familienstreitigkeiten, so stritten sich 1612 auch die Vormundschaftsvertreter.

 

Die Ängste der Butzbacher

Neben Pest und Brand, Hungersnot und Wetterkapriolen hatten die Butzbacher vor allem Angst vor Kriegen: Der Krieg zwischen Spanien und den Niederlanden, der sogenannte Achtzigjährige Krieg, der von 1568 bis 1648 dauerte. Aus dem Kriegsgebiet kamen immer wieder verarmte, verwundete und verstörte Menschen, hauptsächlich aber ausgeraubte Soldaten, die um Unterstützung baten. Von ihnen erfuhren die Butzbacher, wie grauenvoll der Krieg ist. Gelegentlich kamen rohe Gesellen von aufgelösten Truppenverbänden. 1602 hielten sich Wallonische Soldaten in Nieder-Mörlen auf. Sie nahmen den Griedelern, Fauerbachern, Ostheimern und Hoch-Weiselern das Getreide und verlangten von den Nieder-Weiselern und den Butzbacher Bäckern eine große Lieferung Brot dazu.

Die Butzbacher hatten auch Angst vor der türkischen Bedrohung. Diese Angst wurde ebenfalls durch Bettler geschürt, die sich als Adelige ausgaben und in türkischer Gefangenschaft waren. Die Anwesenheit dieser Bettler war zum Teil auch von Landgraf Ludwig erwünscht. Damit konnte jeder Bürger sehen, welche Bedrohung die Türken im Osten für das Reich darstellten. Die meisten evangelischen Fürsten hatten längst die Zahlung der Türkensteuer abgeschafft. Landgraf Ludwig sammelte weiterhin für den Kaiser die Steuern im Land, um seine Treue zu beweisen. Dennoch war es Ludwig längst klar, dass die Bedrohung nicht von Osten sondern von Westen kam.

 

Warum gab es ausgerechnet ein Hessen-Butzbach?

Warum nicht Hessen-Alsfeld oder Hessen-Nidda? Grünberg kam ohnehin nicht in Frage, da es als Witwensitz der Landgräfin von Hessen-Marburg vorgesehen war. Die Landgrafschaft Hessen-Darmstadt war kein reiches Land. Damit stand es bald fest, dass die beiden jüngeren Brüder des Landgrafen Ludwig als Ausgleich für ihre Abfindungssummen Land bekommen würden. Landgraf Ludwig erkannte, dass das Lahntal und der Wellerweg von Mainz her, aber auch die Heerstraße entlang des Taunus, die größten Schwachpunkte in einem Land waren, das eigentlich nicht zu verteidigen war. Am liebsten hätte Ludwig eine Festung bei Braubach gebaut, aber das Amt Braubach am Rhein gehörte beiden Hessen gemeinsam. Dadurch war die Lahnmündung nicht zu verteidigen. Die kleinen Reichsstädte wie Wetzlar und Friedberg hatten weder das Geld eine solche Festung zu errichten noch genügend Bürger sie zu verteidigen.

Als die Stadt Wetzlar sich weigerte, die jährlichen Schutzgelder von 600 Gulden an Ludwig zu zahlen, zog der Landgraf mit seinen beiden Brüdern, den Grafen von Mansfeld und 3500 Kriegsknechten am 1. Februar 1612 vor die Stadt. Die Stadt Wetzlar zahlte trotzdem nicht. Daraufhin nahm Ludwig die Stadt ein und ließ sie ausplündern.

Die Städte Gießen, Wetzlar, Butzbach, Friedberg und Bad-Homburg stellten eine Art Demarkationslinie und Verteidigungsbasis für die Landgrafschaft dar. Wer diese Städte angriff, mußte erkennen, dass Hessen-Darmstadt zurückschlagen würde. Das kalvinistische Nassau mußte zusehen, wie eine bedeutende Mittelmacht neben ihm erwuchs. Offensichtlich konnten auch die Solmser Grafen dieser Entwicklung fast nichts entgegenstellen.

Weil die Solmser unter chronischem Geldmangel litten, waren sie bereits anderweitig eingebunden.

Solmser kämpften mit den Nassauern in den Niederlanden. Der Graf von Solms-Braunfels als Regierungsbeamter in Heidelberg war oft außer Landes.

Möglicherweise hatte Landgraf Ludwig mit der Gründung von Hessen-Butzbach eine schrittweise Ablösung Solmser Beteiligungen an Butzbach im Sinne. Ein erster Hinweis findet sich bereits 1606, also zu der Zeit als der Religionsstreit zwischen Kassel und Darmstadt im Vorfeld der Gründung der Universität in Gießen tobte. Landgraf Ludwig konnte sich mit dem Grafen von Solms-Braunfels über einen Teil der Braunfelser Schulden in Butzbach einigen. Nach den Butzbacher Bürgermeisterrechnungen bekam Solms-Braunfels den hessischen Anteil an der Waschmühle zwischen Griedel und Gambach, büßte aber den größten Teil der Braunfelser Einkünfte in Butzbach ein. 1623 bekam Hessen vom Kaiser als Kriegsentschädigung tatsächlich den Solmser Besitz im Raum Butzbach.

Neben der topographischen Lage und dem möglichen Gebietsgewinn stand die Religionsfrage für Landgraf Philipp wohl im Vordergrund. Philipp war noch mehr als sein Bruder Ludwig ein Verfechter des lutherischen Glaubens. Gerüchte verbreiteten, dass Ludwig zum Katholizismus übergetreten sei; Philipp mahnte ihn, bei der „Confessio Augustana“, also bei der lutherisch-evangelischen Kirche, zu bleiben.

Butzbach um 1600 war kurz davor, die lutherische Kirche zu verlassen und den reformierten Glauben anzunehmen. Bei der sogenannten „zweiten Reformation“ wurden immer mehr Mitglieder der Gemeinde reformiert. Danach kam ein Pfarrer, der die Gedanken des Calvinismus vertrat und wartete ab, bis dieser Glaube weitgehend angenommen wurde. Vielfach waren die Glaubensunterschiede zwischen Reformierten und Lutheranern nicht so deutlich, wie dies bei den Schriften Calvins erscheint.

Justus Camerarius von Hallenberg war Pfarrer in Butzbach von 1590 bis 1611. Er wurde vermutlich von Landgraf Philipp abgesetzt und nach Hoch-Weisel versetzt, versüßt durch ein Stipendium für seinen Sohn, der später Lehrer in Darmstadt wurde. Ein Christian Camerarius war solms-braunfelsischer Stipendiat, vielleicht Sohn eines Verwandten, Dietrich Kemmerer, der als gräflicher Beamter in Griedel wohnte. Da die Grafen von Solms-Braunfels den reformierten Glauben auf der Synode von Hungen am 7. September 1582 eingeführt hatten, ist zu vermuten, dass die Familie Camerarius/Kemmerer diesem Glauben nahe stand. Als gräflich Solmser Beamten waren sicherlich einige Mitglieder der Familie Echzell und von Reh auch Calvinisten.

Der Lehrer Roßbach war Calvinist. Um 1600 studierten mehr Butzbacher in Herborn oder in Heidelberg als in Marburg. Besondere Bedeutung kam Hermann Wolf von Köln zu, der Verwalter des Kugelhauses war. Sein Wappentier war der Kölner Geißbock. Leider ist es nicht möglich gewesen, mehr über die Familie in Köln in Erfahrung zu bringen. Johannes Calvin hatte gute Beziehungen zu Köln. 1582 sagte sich der Kölner Erzbischof Gebhard Truchsess von Waldburg von der katholischen Kirche los und heiratete die protestantische Stiftsdame Agnes von Mansfeld, er tritt aber als Erzbischof nicht zurück. Es kam zum Krieg, der bis 1588 dauerte.

Die Liste der Patenkinder von Hermann von Köln liest sich wie ein „Who-is-Who“ in Butzbach. Landgraf Philipp zog in einer überwiegend calvinistische Stadt ein. Der neue Pfarrer, Johann Dietrich, war der Bruder eines Professors in Gießen. 1613 sitzen die Herren Professoren von Gießen mit den Ratsherren von Butzbach im Pfarrhaus und diskutieren. Man weiß nicht, worüber sie gesprochen haben, aber sicherlich unter anderem auch über Religion.

Mit etwas Druck und der persönlichen Anwesenheit bei Gottesdiensten steuerte Landgraf Philipp seine „Hauptstadt“ wieder zum lutherischen Glauben zurück. Am Ende der Entwicklung stand die Butzbacher Leichenkonduktordnung von 1635. Wer bei Krankheit keinen lutherischen Pfarrer zu sich kommen ließ und die Ordnung der evangelischen Kirche nicht beachtete, durfte zwar in Butzbach bestattet werden, aber nur um elf Uhr vormittags und nicht um die übliche Zeit um 12 Uhr; bestattet wurde ohne „Sang und Klang“ und Leichenpredigt. Damit wurde der Tote zum Außenseiter gestempelt.

 

 Der Einzug Philipps

In dem Winter, bevor er den Vertrag über Butzbach unterschrieb, war Philipp öfters in Butzbach; Briefe an seinen Bruder belegen dies. Der Vertrag zur Übergabe Butzbachs wurde am 21. März 1609 unterschrieben.

Neben dem hessischen Anteil von Butzbach bekam Philipp Weiperfelden, Hoch-Weisel, Ostheim, Fauerbach, Münster, Bodenrod und Maibach. Die Huldigung an Landgraf Philipp erfolgte am 30. April durch den Anwalt Dr. Johann Mylius und den Hofmeister Balthasar Schrautenbach.

Philipp heiratete am 29. Juli 1610. Am 9. August zog das Paar in Butzbach ein. Am 17. und 18. August erfolgte die Huldigung an Anna Margaretha. Bereits im Juli machte sich der Rat Gedanken über ein Geschenk für Landgraf Philipp. Es mußte damals ziemlich viel Aufregung unter den Herren geherrscht haben. Sie hatten sich vorgestellt, zum Tanz eingeladen zu werden. Anfang August mußten sie erkennen, dass es weder Tanz noch einen Umtrunk geben würde. Ob Philipp wirklich sparsam war, sei dahingestellt. Am 17. August erschienen die zwei Bürgermeister und der Stadtschreiber mit dem Pokal im Schloss. Eine Audienz mit Landgraf Philipp kam auch dann nicht zu Stande; der Pokal wurde ins Schloss gebracht; Philipp ließ über seinen Diener Dank an die Stadtoberen übermitteln. Den Ratsprotokollen kann man zwischen den Zeilen entnehmen, dass Enttäuschung und eine leichte Verwirrung herrschten.

Es hat anscheinend noch lange gedauert, bis Stadt und Landgraf harmonisch miteinander umgingen. Die ersten Jahre waren gekennzeichnet von Beschwerden über die landgräflichen Viehherden, die das Land und die Weiden beschädigten, über den großen Holzverbrauch und die vielen Bediensteten, die keine Steuer zahlten und vom Dienst im Rat verschont blieben.

 

Quellen:

Stadtarchiv Butzbach

Titel des Aufsatzes stammt aus dem Ratsprotokoll vom 18. Dez. 1609

 

Literatur:

Helmut Hildebrand, Martin Gudd, Getreidebau, Missernten und Witterung im südwestlichen Unteren Vogelsberg und dem angrenzenden Vorland während des 16. und frühen 17. Jahrhunderts, in: Archiv f. hess. Geschichte und Altertumskunde N.F. 49 (1991), S. 85 - 145.

Christoph von Rommel, Neuere Geschichte von Hessen, Band 2, Cassel, 1837, S. 125.

 

 
 

Deckblatt der Stadtrechnung von 1596. Zu sehen sind die Wappen der beiden Bürgermeister Herrmann von Cöln (Geißbock) und David Preuß

Verkehrte Welt: Der Stadtschreiber hat das Titelblatt der Hospitalrechnung von 1624 spiegelverkehrt beschrieben. Er beschwert sich über Bauern, die ihr Getreide zu Branntwein brennen

Auszug aus dem Ratsprotokoll vom 18. Dez. 1609: "In diesen saueren Zeiten"

Notariatssignum von Hans Georg Schott (1600)