| Butzbach im 20. Jahrhundert Eine Chronik |
| 1900
Am 1. 4. wird der Verlag des
Wetterauer Boten" von K. Schneider mit der Butzbacher Zeitung" durch
Kauf vereinigt. 1901 Die Brauerei Melchior kauft die Wilhelmshöhe" für
11 500 Mark sowie die Brauerei Neidhard. Die Farbenfabrik (Inh.Herrmann Küchel) wird an Patz verkauft. Die neue
Schuhfabrik Jakob Rumpf & Söhne wird am 10. Oktober an der Ludwigstraße in Betrieb
genommen. 1902 Der Gesangverein Harmonie" löst
sich am 15. Januar auf. Das Vereinskapital von 100 Mark wird dem Kirchenbaufonds
übergeben. 1903 Im Januar werden bei einem Großbrand 5
Scheunen in der Nieder-Weiseler Hintergasse vernichtet. 1904 Am 28. März wird die Bahnstrecke Butzbach
- Lich mit einer ersten Fahrt nach Lich in Betrieb genommen. 1905 Die neue Glocke für die Markuskirche wird
eingeholt. 1906 Im Rahmen des deutschen Vereins für
ländliche Heimat-, Wohlfahrts- und Kunstpflege, findet ein Trachtenfest statt. Ein
Zweigverein Butzbach wird gegründet. Hauptfesttag ist der 17. Juni (Trachtenzug,
Festspiel Lieb Heimatland" von August Storch). 1907 Im März findet eine Feier anläßlich des
200. Geburtstags von Paul Gerhard statt. 1908 Bei der Landtagswahl stimmen 24 Wahlmänner
für Wilhelm Joutz, 5 für Fenchel aus Ober-Hörgern. Es ist wenig Wahlinteresse, da
vielen das seitherige Wahlverfahren zuwider ist. 1909 Der Hausberg- und Verschönerungsverein
wird am 1. Januar Zweigverein des Taunusklubs. 1910 Die Wahl von Wilhelm Joutz wird wegen
seines Konkurses und wegen Überschuldung nicht bestätigt. Der bisherige Beigeordnete
Flach wird am 24. Januar zum Bürgermeister gewählt. Damit ist das über ein Jahr
bestehende Interregnum beendet. 1911 Die große Glocke der Markuskirche wird am
12. April umgegossen und am 21. Juli feierlich eingeholt. 1912 Die neue Hoch-Weiseler Schule wird auf dem Klausenhof bei der Kirche gebaut. 1913 Die Kirche in Ostheim wird renoviert und die Malerei aus dem 2. Viertel des 15. Jhs. wiederhergestellt. Dort wird auch eine freiwillige Feuerwehr gegründet und eine elektrische Lichtanlage erhellt das Dorf. 1914 In Europa beginnt der Erste Weltkrieg. 1916 Der elektrische Strom wird nun vom Überlandwerk (Hefrag) bezogen. 1917 Die alte große Glocke in Butzbach, die
beiden großen Glocken in Kirch-Göns und die große Glocke in Maibach werden zum
Einschmelzen für den Krieg geholt. 1918 Deutschland wird Republik 1919 Die Meguin AG wird aus Dillingen/Saar nach Butzbach verlegt. 1925 wird die Meguin AG von der Bamag AG übernommen. Die Pintsch-Bamag entwickelte sich zum größten Betrieb in Butzbach (c. 2 500 Arbeitnehmer), 1970 aufgelöst in: Butzbacher Weichenbau GmbH, Pintsch Bamag Gastechnik GmbH, Faun-Werke, Davy Bamag GmbH (englisch), Verfahrenstechnik. Lochblech und Stanzwerk Butzbach, vormals Meguin, Schmitt und Co., gegr. 1895 in Dillingen/Saar. Die Firma Samesreuther & Co. GmbH und das Lochblech- und Stanzwerk werden gegründet. 1920 Am 1. April wird der Butzbacher
Apotheker und Medizinalrat Dr. Emil Vogt (16.5.1848-20.5.1930) 23. Ehrenbürger der Stadt.
Er war Stadtverordneter, Mitglied des Hess. Landtags, Mitbegründer der
Kriegerkameradschaft, Vorstand der örtlichen Roten Kreuzgruppe, u.a.m. 1921 Das Erdgeschoß des Gasthauses Zum
goldenen Löwen"wird von der Mitteldeutschen Creditbank umgebaut. 1922 Der Ehrenmal der Gefallenen auf dem
Friedhof in Nieder-Weisel wird eingeweiht. 1923 Die Brauerei Melchior wird mit der Brauerei
Ihring vereinigt. 1924 Die Herrel-Wollweberei wird gegründet. 1925 Die Vereinsbank wird gegründet. Der
Betrieb läuft zunächst im Hause Eiff. 1926 Die ersten Butzbacher Abiturienten werden
am 4. März von der Schule entlassen. Die Oberrealschule bekommt den Namen Weidigschule. Eine Synagoge
wird am 20. März am Viehmarktplatz eingeweiht; der Betsaal im Rathaus wird aufgegeben. 1927 Das Rathaus-Fachwerk wird freigelegt. Der Löwe" im Fachwerk wied wiederhergestellt. Am 10. Oktober ist Einweihung des neu errichteten Marktbrunnens. 1928 Die Butzbacher Geschichts- und
Heimatblätter werden (bis Okt. 1940) von Professor Horst als Beilage zur Butzbacher
Zeitung" herausgegeben. 1929 Am 29. Juni ist Einweihung des
Gedenksteins für die Dragonergarnison 1818-1897 in Gegenwart des Großherzogs Ernst
Ludwig. 1930 Das Luftschiff Graf Zeppelin fliegt über
Butzbach und Umgebung am 1. Juli. Ein Foto des Zeppelins über Butzbach wird am 10. August
aufgenommen. 1931 Die Pfarrstelle Kirch-Göns wird mit Pohl-Göns vereinigt. 1932 Der 38jährige Dr. Heinz Scheller wird am
1. August Bürgermeister von Butzbach. 1933 Am 30. Januar, einem Montag, kurz nach 11
Uhr, ernennt der Reichspräsident Paul von Hindenburg in seinem Berliner Amtssitz den
Führer der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP), Adolf Hitler, zum
Reichskanzler des Deutschen Reiches.
"Zur Erinnerung an die Reichstagswahl am 12.11.1933 in Butzbach und treue Mitarbeit, die nationalsozialistische Kriegsopferveinigung e.V". Aufgenommen vor dem Vereinslokal der NSDAP Ecke Weiseler Straße/Bismarckstraße. Auf dem Bild zu sehen: Butzbacher Geschäftsleute, Beamte und Lehrer. Zum 1. Oktober werden die Vereine
Orpheus" (1838) und Eintracht" (1905) zu Vereinigte
Männerchöre Orpheus-Eintracht" zusammen geschlossen. 1934 Butzbach wird wieder Garnisonsstadt. 1935 Dr. Scheller wird am 1. Februar als
Bürgermeister nach Oppenheim versetzt. Dr. Richard Mörschel wird Butzbachs neuer
Bürgermeister. 1936 Die Verfolgung Butzbacher Bürger jüdischen Glaubens wirkt
sich verheerend aus: Die jüngeren Familien wandern aus; Studenten müssen ihr Studium
aufgeben und die Kinder durften ab dem 2. März 1936 nicht mehr in die Butzbacher Schulen
gehen. Am 28. Februar findet eine Gedenkfeier zum
100. Todestage Weidigs im Hotel Hessischer Hof" statt. Am 12./13. Juni
wird das erste Weidigbergfest veranstaltet, verbunden mit der Einweihung des Weidiggedenksteins. 1938 Die Pogromnacht vom 9. November
1938 in Butzbach Dr. Richard Mörschel, der Butzbacher Bürgermeister von 1935 bis 1945, ist
am 23. April 1975 gestorben. In einem Nachruf der Wetterauer Zeitung werden seine
Verdienste hervorgehoben, besonders sein Engagement gegenüber Menschen, die nicht
von diesem Leben verwöhnt wurden. Er wird unter anderem auch selbst zitiert:
Für mich persönlich war es das Schlimmste, was einem Menschen widerfahren konnte,
wenn ihm die persönliche Freiheit entzogen wurde und er nicht mehr wie er es
einmal formulierte Herr seines eigenen Willens war. Nach meiner Auffassung konnte
nur derjenige ehrlich und redlich und mit Überzeugung von Freiheit sprechen und
leidenschaftlich dafür kämpfen, der schon einmal Unfreiheit erleben musste. Auf
Anordnung von Dr. Mörschel wurde 1938 der Butzbacher jüdische Friedhof zerstört, die
Grabsteine sollen zum Teil vermauert worden sein. Der alte Zustand des Friedhofs konnte
nicht mehr hergestellt werden. In einer Akten-Notiz vom 6.1.1948 heißt es: Nach den
vorliegenden Rechnungen betragen die Kosten vorläufig RM 392,90. Diese werden zunächst
von der Stadt übernommen. Sie sollen von dem früheren Bürgermeister Dr. Mörschel, auf
dessen Veranlassung die Grabsteine entfernt wurden, zurückgefordert werden (H/ZR 79/116
090/62 160).
Butzbacher Verhältnisse; 1. Hälfte oder Mitte der 30er Jahre 1939 Deutschland überfällt Polen. Der
zweite Weltkrieg bricht aus. 1940 Für Ostern 1940 gelten die
Weihnachtszeugnisse von 1939, da infolge des großen Kohlenmangels nur sehr kurze Zeit
Unterricht war. 1941 Im Januar werden die Lehrer gebeten, auf die Wintersachensammlung hinzuweisen, aber auch Skier und Schlitten sind als Spende für den Rußlandfeldzug willkommen. Lehrer, die zur Wehrmacht eingezogen worden sind, sollen mit Päckchen und Berichten vom Schulleben bedacht werden. 1942 Auf der Wannseekonferenz beschließen die
Nazis, die Juden ganz Europas systematisch zu ermorden. 1943 Der Vorschußverein wird der Vereinsbank
angeschlossen. 1944 Unter zahlreichen Fliegerangriffen sind die verlustreichsten am 26. November mit 44 Toten, 37 Schwer- und über 200 Leichverletzten; am 27. Dezember mit 8 Toten, 4 Schwer- und 30 Leichtverletzten. Am 4. Dezember fällt eine Bombe in der Kirch-Gönser Taubgasse, 2 Scheunen werden zerstört. Ende Dezember wird auch der Flugplatz in Kirch-Göns durch Bomben zerstört. 1945 Am 22. Februar greifen Tiefflieger über Kirch-Göns mit Maschinengewehren
an. Die Scheune des Friedrich Binzer in der
Bahnhofstraße geht in Flammen auf. 1946 Im März kommen die ersten Vertriebenen in
Butzbach an. In der Schloßkaserne wird ein Durchgangslager für Kriegsflüchtlinge
eingerichtet; die Menschen werden von hier aus bei Bürgern in den benachbarten Dörfern
untergebracht. Jede Woche kommen 4 bis 6 Güterzüge mit Vertriebenen und Flüchtlingen
an. 1947 Der erste Prediger der Stadtmission (gegr. von Kaufmann Georg Dinkel) wird eingesetzt. 1948 Am 20. Juni tritt die Währungsreform in Kraft. Es gibt eine Abwertung auf 1/10 und ein Kopfgeld von 40,00 DM. 1949 Der ehemalige Pg. (Nazizeit) Dr. Scheller
wird am 2. Mai zum Bürgermeister von Butzbach gewählt. Im 2. Halbjahr verschwinden die
Lebensmittelkarten. Nur die Zuckerkarten gibt es noch bis Februar 1950. 1950 Am 4. Juni wird die Freiwillige Feuerwehr Hausen gegründet. 1952 Die beiden neuen Flügel der Stadtschule
sind vollendet. 1953 Am 20. September ist Einweihung der
neuen Glocke der Stadtkirche. Die katholische Pfarrkirche St. Gottfried wird am 18.
Oktober geweiht. 1954 Willi Schild kommt am 4. Januar als
letzter Butzbacher Spätheimkehrer aus dem 2. Weltkrieg heim. Erinnerungen an den Vollzugsdienst in der JVA Butzbach in den fünfziger Jahren
„Das Land Hessen suchte in der Nachkriegszeit bewußt einen Bruch mit der Vergangenheit des Dritten Reichs. Man setzte nicht wie anderswo auf die wundersame Wandlung vom Saulus zum Paulus und protegierte nicht blind jeglicher politischen Moral weiterhin die Karrieristen der Hitler-Diktatur...“ Dr. Christine Hohmann-Dennhardt Hessische Justizministerin
Ein Beitrag von Winfried Schunk Schon als Kleinkind hatte ich Umgang mit Gefangenen. Wir wohnten 1934/35 in einem sog. „Zeppelinhaus“ (aufgrund der halbrunden Dachform) des „Zuchthauses“ Butzbach. Es waren Gebäude für aktive Bedienstete. An diese Zeit, ich war 4 Jahre alt, kann ich mich nur noch sehr schemenhaft erinnern. Sahen wir aus dem Küchenfenster, so war die Westseite der mächtigen und burgähnlichen „Zellenstrafanstalt“ zu sehen: Dieses „Zuchthaus“ war nämlich im „panoptischem“ Stil erstellt und im Jahr 1894 eröffnet worden. Auch 1934/35 guckten Gefangene aus den vergitterten Fenstern und riefen manchmal unverständliche Worte. Mein Vater war zu dieser Zeit bereits durch seine Krankheit behindert. Er brachte für die Gartenarbeit Gefangene mit. Das Anstalts-Anwesen hatte einen Vorgarten, gleich hinter dem Haus einen Hof mit Stallungen für Kleintiere und dahinter noch einen ca. 300 qm großer Gemüsegarten. Auf dem Gartenstück vor der Haustür stand eine Laube, wo man sich im Sommer oft aufhielt. Ich kann mich nur noch an Geflügel erinnern, das wir im Stall hielten und das im Hinterhof seinen sog. Auslauf hatte. Dort stand auch ein prächtiger Kirschbaum direkt vor dem Küchenfenster, der besonders große Kirschen trug, deshalb meine gute Erinnerung an ihn. Während der warmen Jahreszeit, wenn die Sonne dann mittags den Vorgarten erreichte, saßen wir oft vor dem Haus mit Blick zum Wald. Auch als wir Ende 1935 in unser neues Haus in der Kleeberger Straße 32 (damals 28) zogen, brachte mein Vater auch dorthin Gefangene zur Garten- und Hausarbeit mit: Sie machten dies natürlich gerne, denn ein gutes Essen war ihnen sicher. Diese „Gartenarbeiter“ mußten bei manchen „Beamten-Familien“ im Garten essen (meist Gartenhütte), sie durften prinzipiell nicht mit am Familientisch sitzen. Trotz neuer Umgebung zog es mich immer wieder zum Spielen auf das Gelände der Strafanstalt; überwiegend in den Graben, der auf der Süd- und Westseite außen um die Anstaltsmauer zog. Hinter den „Zeppelinhäusern“ war er besonders tief und dreckig. Es war stellenweise ein recht mächtiger Graben, der z. B. zum Versteckspiel geradezu einlud. Die Böschung des Grabens war mit Gras bewachsen; dort gab es Veilchen, auch weiße, die besonders begehrt waren. Bis zu meinem 14. Lebensjahr spielte ich auf diesem Gelände überwiegend mit Kindern, deren Väter auch bei der Justiz beschäftigt waren. Die Auffahrt von der Kleeberger Straße her zur Anstalt war in den 50er Jahren noch beidseitig mit Nußbäumen bestanden. Die Häftlinge der Justizvollzugsanstalt Butzbach trugen während der Nazi-Zeit folgende Kleidungsstücke: Zuchthausgefangene rote Streifen an beiden Hosennähten und an einem Ärmel; Gefängnisgefangene gelbe Streifen und Sicherheitsverwahrte dunkelgrüne Streifen. Die Streifen hatten eine Breite von ca. 5 cm und fielen deshalb stark auf. Die Grundfarbe der Häftlingskleidung war grau und dunkelgrau. Ebenso die Kopfbedeckung. Die Strafarten waren untergliedert in Zuchthaus, Gefängnis und Sicherheitsverwahrung. Bei meinem Eintritt in den Strafvollzugsdienst im Mai 1954 waren noch überwiegend Beamte im Dienst, die nach der Entnazifizierung im Jahr 1946 wieder eingestellt worden sind als „Mitläufer“ oder „Unbelastete“. Viele von ihnen sind deshalb so eingestuft worden von den zuständigen Behörden, weil sie sich von ehemaligen Gefangenen einen sog. „Persilschein“ ausstellen ließen: Die Gefangenen, die so etwas taten, waren zum Teil mit Geld und sonstigen Gütern bestochen worden; auch gebettelt wurde um den Freibrief, und ekelhafte Anbiederei fand statt, Hauptsache man bekam von den ehemaligen Insassen des Zuchthauses Butzbach eine „Urkunde“ ausgestellt. Und gelogen wurde dabei sehr viel. Mir sind diese Falschaussagen aus engstem Familienkreis bekannt. Meine Eltern wußten um Deportationen von „politischen“ und „kriminellen“ Gefangenen, die ins Moor nach Norddeutschland geschickt wurden. Bekannt sind die Lager, in denen die Menschen zur Zwangsarbeit herangezogen und umgebracht wurden. Meinem Vater, der Verwaltungsbeamter im Zuchthaus Butzbach war, waren diese Vorgänge bekannt geworden, da der zuständige Amtmann W. Schuld die Selektion von Gefangenen durchführte. Bei diesen Gesprächen wurde auch versteckt von einem sicherem Tod der Deportierten gesprochen. Daß es Vernichtungslager gab, war also auch meinen Eltern bekannt. Ob sie von den Massenvernichtungen in den KZs wußten, darüber bin ich mir nicht im klaren. Ich glaube, wegen der Erhaltung des Arbeitsplatzes ist mein Vater 1940 in die NSDAP eingetreten und war „Förderndes Mitglied“ der SS von 1934 bis 1935: Für einen niedrigen Monatsbeitrag bekam man die schwarze SS-Nadel mit der Siegrune. Die „Fördernden Mitglieder“ sahen in dem Geldbetrag die billige Möglichkeit, sich von allen anderen nationalsozialistischen Organisationen und Zwangsformen zu drücken, gleichwohl aber, und zwar vornehm, „dabei zu sein“, so Eugen Kogon in seinem Buch „Der SS-Staat“. Mein Vater kann eigentlich kein „großer“ Nazi gewesen sein. Immer wieder war von ihm zu hören, „der Hitler wird den Krieg verlieren“. Seine Skepsis gegenüber dem dritten Reich wurde sicher noch dadurch gestärkt, daß er öfters den englichen Sender BBC London am Radiogerät einschaltete, trotz der Gefahr für seine Person, zu lebenslanger Haft oder gar mit der Todesstrafe bedroht zu sein. Eingeführt wurde ich in den Ablauf des Gefängnisalltags im Frühjahr 1954 mit einem Laufzettel der Verwaltung worauf stand, welche Dienststellen innerhalb des Gefängnisses anzulaufen waren; und es wurden erste Informationen von „Stationsbeamten“ gegeben. Schulz hieß der damalige Verwalter, der die „schwere“ Aufgabe hatte, die Bediensteten des Zuchthauses Butzbach zu führen: Schulz war ein nach dem 131er Gesetz wiedereingestellter Beamter der Nazi-Zeit. Er zitierte mich in einen Saal bei der Zentrale im ersten Stock der JVA Butzbach. Ich muß in diesem zentral gelegenen Saal gestanden haben wie ein begossener Pudel; ich war einfach fassungslos, wenn ich mich zurückerinnere, über das, was mir da widerfuhr: Schulz schrie mich mit brutalem Kommandoton an: „Stehen sie stramm, ein für alle mal, nur ich bin in diesem Hause der Herr, ich habe das Sagen hier im Hause, sonst niemand“. Schulz, der im sog. „Lager Rollwald" bei Darmstadt während der Nazizeit hoch zu Roß Gefangene bewacht hatte und nach Aussagen von Lagerinsassen ein gefürchteter Mensch war wegen seines brutalen Verhaltens, das später die Wärter der JVA Butzbach täglich zu spüren bekamen, war 1954 bei meiner Einstellung als Arbeitsaufseher Verwalter des Aufsichtsdienstes: protegiert von dem damaligen Oberstaatsanwalt in Frankfurt und ehemaligem Nazi-Juristen Schweinsberger. Schulz überwachte primär die Stationsbeamten während ihres Dienstes auf den Gefangenenstationen: Er stand meist auf einer vorspringenden Plattform, die im Zentrum des Zuchthaus-Kreuzbaus auf der dritten Etage über dem sog. Glaskasten - dem Dienstraum des Zentralbeamten - lag. Diese Plattform aus Steinmaterial ist sicher auch heute noch vorhanden und ca. einen Quadratmeter groß. Darauf stand nun der nach meiner Meinung menschenverachtende und mittlerweile zum „Oberverwalter“ ernannte Schulz: Die Absätze seiner Schuhe lösten sich vom Steinboden so hoch es nur ging, dabei stützte er sich auf die Fußspitzen, wippte auf und ab, die Hände ständig auf dem Rücken verschränkt: Seine schweifenden Blicke vom zentralen Punkt aus erfaßten alle Stationen; in erster Linie fixierten Schulzes Augen natürlich seine Marionetten: die Gefängniswärter. Schulz war arrogant und machtbesessen, grinste fast ständig und brüllte seine angeblichen Mitarbeiter und Gefangene erbärmlich an. Die armen Stationsbeamten konnten einem wirklich leid tun. Sie waren in ihrer Beweglichkeit sehr eingeschränkt; immer mit dem Gedanken im Hinterkopf, etwas falsch zu machen. Unbegreiflich ist heute, daß man einem solchem unqualifizierten Mann für den Strafvollzug in einem demokratischen Staat Menschen anvertraute. Eine schreckliche Justiz noch in den fünfziger Jahren. Bei Schweinsberger hatte Schulz Rückhalt. Schweinsberger wurde nach Bekanntwerden seiner Nazivergangenheit von Fritz Bauer, dem damaligen Generalstaatsanwalt, aus dem Justizdienst entlassen; wahrscheinlich behielt er aber seine Pensionsansprüche. Und noch eine Ungeheuerlichkeit: Dieser Schulz hat Beamtenanwärter im Seminar in Rockenberg ausgebildet. Das wußte auch der integre Professor Dr. Albert Krebs, der Nazi-Verfolgter war und in den fünfziger und sechziger Jahren die Beamtenanwärter in Gefängniskunde unterrichtete. Krebs wußte sofort Bescheid, als ich mit ihm ein Gespräch hatte während eines Lehrgangs. Es ging um Prügel, um schwere Körperverletzung an einem Gefangenen begangen: Verantwortlich für diese Untat war natürlich Schulz, der vorsätzlich handelte. Ich nannte bei Krebs nicht den Namen des zuständigen Vollzugsdienstleiters, aber er sagte prompt: „das war der Schulz“. All diese abscheulichen Begebenheiten trugen sicher mit dazu bei, daß Schulz frühzeitig in Butzbach seinen Hut nehmen mußte und nach Offenbach versetzt wurde! Ausbruchversuch 1957/58 in der „Strafanstalt“ Butzbach Ein junger straffällig gewordener Mann arbeitete als Lehrling in der Malerwerkstatt in einem Hof gleich neben dem Anstalts-Flügel, der damals „A“ genannt wurde; der Hof hieß kleiner Werkhof. Der Werkstattbau war aus roten Ziegelsteinen wohl Anfang des Jahrhunderts erstellt worden. Darin befanden sich in den oben genannten Jahren die Schreinerei im Erdgeschoß. Ganz im Westen des Erdgeschosses dieses Gebäudes befand sich von 1921 bis 1937 eine Hinrichtungsstätte: Es wurden dort 11 Menschen geköpft. Im ersten Stock waren eine Bastweberei und die Malerwerkstatt eingerichtet, in der die gesamte „Baukolonne“ der Anstalt ihren Treffpunkt vor Arbeitsbeginn hatte und auch ihre Werkzeuge unterstellte. Der junge Malerlehrling hatte nun die Absicht, bei einer günstigen Gelegenheit aus der Anstalt zu verschwinden. Dies konnte er nur von dort aus versuchen, weil er noch keine „Mitnahmekarte zur Arbeit außerhalb des Gefängnisses“ besaß; solch eine Karte wurde nur bewilligt, wenn der Gefangene aufgrund seines Verhaltens während des Vollzugs, der Strafdauer und seiner Charaktereigenschaften für dieses Privileg als tauglich betrachtet wurde. Um fünf Uhr Nachmittags war allgemeiner Arbeitsschluß. Die Gefangenen wurden geschlossen aus den Werkstätten geführt und an der Zentrale im Gefängnisbau abgeliefert, zum Einschluß in die Zellen. Da die anderen Maler der Baukolonne damals in den sog. Beamtenhäusern arbeiteten, mußte der junge Maler in der Werkstatt abgeholt werden. Aber er war nicht mehr da! Da die Werkstatttüren am Tage aufstanden, war es möglich, daß schon einmal ein Insasse von einer Werkstatt zu anderen ging. Weil dies doch öfters passierte, war man der Meinung gewesen, der Maler sei z.B. mit den Schreinern schon ins Hauptgebäude gegangen: was sich aber bald als Trugschluß herausstellen sollte. Der junge Maler hatte sich nämlich in einem kleinen Abstellraum neben der Malerwerkstatt zwischen alten Schränken und sonstigem Unrat gut versteckt, wie sich später herausstellte. Nun, der Gefangene war beim Einschluß und der Schlußzählung nicht auf seiner Zelle anwesend. Das löste natürlich auf der Zentrale sofort Alarm aus. Sämtliche Beamte vom Spät- bzw. Zwischendienst trafen sich umgehend an der Zentrale, wo bereits durch den „Oberverwalter“ Schulz Suchpläne ausgearbeitet wurden. Auch die dienstfreien Beamten wurden durch Alarmsignal in die Anstalt zitiert. Ungefähr 30 Bedienstete des Gefängnisses - ein Wärter mit Schäferhund - zogen nun von der Zentrale in gemütlichen Schritten zur Malerwerkstatt, weil man erst einmal annahm, daß der Gesuchte sich dort noch aufhalten würde, was sich ja auch dann als richtig herausstellte. Vorneweg ging natürlich der Schulz, stolz und mit gehobenem Kopf, ihm folgend der Wärter mit dem Schäferhund, der auf dem Weg zur Malerwerkstatt schon irgendwie scharf gemacht wurde. Die Sucherei ging nun los, wobei der Schäferhund immer als erster schnüffelte. Es dauerte nicht lange und der Hund hatte die menschliche Fährte erschnüffelt. Nun rasten die „Unmenschen“ los und stürzten sich mindestens zehn Mann stark auf das bedauernswerte menschliche Wesen: Dieser junge Maler wurde nun an Ort und Stelle dermaßen mit Fußtritten und Fausthieben traktiert, daß er kurz darauf regungslos auf dem Fußboden lag. Nicht genug, die Schergen zerrten ihn aus dem Raum und stießen ihn zur Werkstatttreppe hin. Auf beiden Seiten der Treppe standen „Beamte“ und schlugen während des Fallens des schon fast halb totgeschlagenen Menschen brutal weiter auf ihn ein mit Boxhieben und Fußtritten. Diese Täter haben sich der schweren Körperverletzung schuldig gemacht. Die vorsätzliche und brutale Schlägerei ging noch weiter beim überqueren des Hofs bis zur Kleidungskammer. Dort mußte sich der Schwerverletzte vor den Schlägertypen, die sich Strafvollzugsbeamten nannten, vollkommen ausziehen, was ihm natürlich nur sehr schwer gelang. Ein Wunder überhaupt, daß dieser Mensch diese Tortur überlebte. Ausdrücklich betont werden muß, daß der Gefangene nie versucht hat, sich zu wehren. Es war aus der Nazi-Zeit überliefert, daß wenn ein Insasse in den sog. „Bunker“ kam, er sich vorher vollkommen entkleiden mußte, damit nicht irgenwelche Gegenstände in die Absonderungszelle gelangten. Dies alles geschah unter der Aufsicht des „Oberverwalters“ Schulz, der sich damit der schweren Körperverletzung im Amt schuldig gemacht hatte. Und was tat der Anstaltsarzt? Die Meldung, daß ein Gefangener abgesondert wurde, bekam er ja sicher auf den Tisch, oder? Er war nach dem Gesetz verpflichtet, den Abgesonderten ärztlich zu untersuchen: Wenn er dies wirklich damals getan hat, hat er den blutigen und von Prellungen gezeichneten Körper des Gefangenen gesehen. In diesem Fall wäre es seine Pflicht gewesen, eine Strafanzeige zu erwirken wegen schwerer Körperverletzung im Amt gegen Schulz und seine Schlägertruppe. Dies ist aber meines Wissens nie geschehen: Der Anstaltsarzt hätte sich dann mitschuldig gemacht. Schwere Körperverletzung in der JVA Butzbach 1966 Maximilian Schreiner hieß der Gefangene, der sich damals des öfteren durch laute Rufe in seiner Zelle Aufmerksamkeit erwarb. Er saß wegen Diebstahlsdelikten schon mehrmals in Gefängnissen ein. Schreiner ging mit seinen lauten Äußerungen so manchem Aufsichtsbeamten auf die Nerven, obwohl dies nur relativ selten vorkam. Dies bewirkte aber doch, dass eines Abends nach Einschluss der Gefangenen als es wieder zu lauten Äußerungen in seiner Zelle kam, die aber keine Beleidigungen den Beamten gegenüber waren, der Aufsichtsdienstleiter mehrere Beamte zu sich rief, die dann gemeinsam Schreiner mit Gewalt in eine sogenannte Beruhigungszelle brachten. Angeblich soll sich Schreiner während des Abführens in die Beruhigungszelle auf dem Flur der JVA gewehrt haben; er wurde deshalb von mehreren Beamten während des Abführens an Armen und Beinen festgehalten. In der sog. Beruhigungszelle muss dann Schreiner mit dem Gummiknüppel derart geschlagen worden sein, dass sogar Blut an die Wand gelangte. Es müssen mehrere Beamte auf Schreiner eingeschlagen haben. Der Hauptschläger soll der Aufsichtsdienstleiter H. K. gewesen sein. Diese Schilderung der Schlagorgie wurde mir von einem Kollegen, der Augenzeuge war, zugetragen. 1966 erschienen im Spiegel mehrere Beiträge über Misshandlungen in deutschen Strafanstalten. Diese Taten gaben mir aus humanitären Gründen die Gewissheit, dass der Vorfall in der JVA Butzbach vor Gericht untersucht werden müsse. Ich entschloss mich daraufhin, mit einem persönlichen Brief an den damaligen Generalstaatsanwalt in Frankfurt, Fritz Bauer, das Geschehen in der Beruhigungszelle zu schildern, genauso wie es mir der Kollege mitgeteilt hatte. Den Brief sandte ich nicht auf dem Dienstweg nach Frankfurt, wie es eigentlich nach den Vorschriften hätte geschehen müssen, worüber die Anstaltsleitung natürlich empört sein musste. Nach wenigen Tagen wurde die Anstaltsleitung von Fritz Bauer benachrichtigt, dass eine staatsanwaltliche Vernehmung des Kollegen und mir anberaumt sei. Oberstaatsanwalt Heiß aus Lich führte als Bauers Vertrauensmann die Vernehmung. Ich bestätigte das, was ich auch persönlich Bauer mitgeteilt hatte. Die Aussagen des Kollegen sind mir nicht bekannt. Folgendes machte gleich nach unserer Vernehmung in der JVA Butzbach die Runde: „Der erwähnte Kollege hat alles zurückgewiesen: Schunk sei der große Lügner, der für den Strafvollzug unfähig sei". Der damalige Anstaltsleiter soll dem Kollegen mit dessen Entlassung aus dem Vollzugsdienst gedroht haben, sollte dieser bei seinen Schilderungen der Vorkommnisse in der Beruhigungszelle bleiben. Der Aufsichtsdienstleiter H. K. muss beim Anstaltsleiter unter Tränen gebettelt haben, ihm doch zu helfen seine Existenz wäre gefährdet. Am Tag der Vernehmung war natürlich „dicke Luft" im ganzen Haus: In der Verwaltung liefen viele Vollzugsbedienstete aufgeregt umher: Wie wird es ausgehen? Fritz Bauer hat ein Verfahren gegen die Täter und den Anstaltsarzt wegen schwerer Körperverletzung im Amt eingeleitet, das vor dem Amtsgericht Butzbach verhandelt wurde. Es kam so, wie gewöhnlich solche Verhandlungen ausgehen: Die Täter wurden aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Ich fuhr nach meiner Vernehmung nach Lich zu Oberstaatsanwalt Heiß und bat ihn um Rat bezüglich meiner Zukunft in Butzbach. Dass ich nun keinen guten Stand mehr dort haben würde, war sicher; Heiß war der selben Meinung. Mein Wunsch war, an die Jugendstrafanstalt Wiesbaden versetzt zu werden. Heiß riet mir, ein entsprechendes Gesuch einzureichen, was ich auch sofort tat. Allerdings nicht auf dem vorgeschriebenen Dienstweg - die JVA Butzbach hätte dies verhindert, zumindest versucht. Meine Versetzung nach Wiesbaden auf eigenen Wunsch wurde von der Anstaltsleitung mit großer Empörung entgegengenommen: Wie kann es sein, dass die Richtlinien des hessischen Strafvollzuggesetzes eine solche Eigenmächtigkeit zulassen? Mit großem Dank an Fritz Bauer, der in das Buch „50 deutsche Vorbilder, Menschen, die uns heute fehlen" aufgenommen wurde (erschienen im Fischer Taschenbuch Verlag und Zeitverlag), konnte ich in Wiesbaden Dienst tun. K. hat sich wenige Jahre später aufgrund der Ermordung des Anstaltsleiters Künkeler in der Waffenkammer mit einer Dienstpistole erschossen. Er fühlte sich wohl schuldig, als Aufsichtsdienstleiter im Zusammenhang mit der Ermordung Künkelers versagt zu haben. 1965 bildete sich eine kleine Gruppe von meist neu eingestellten Aufsehern, die einen „humanen“ und „erzieherischen“ (1) Strafvollzug wollten: Geprägt wurden diese Leute von Generalstaatsanwalt Fritz Bauer und Albert Krebs, die diese genannten „Qualitäten“ im Strafvollzug vehement anstrebten. Sie verstanden darunter in erster Linie den persönlichen Umgang mit den Menschen im Gefängnis: Z.B. Gespräche über ihre Nöte führen, die innerhalb und auch außerhalb der Anstalt entstehen. Für diese Betreuung waren damals für ca. 600 Gefangene gerade mal drei „Fürsorger“, ein Lehrer, ein Pfarrer und ein Psychologe im Dienst. Fritz Bauer besuchte Anfang der 60er Jahre in unregelmäßigen Abständen die Justizvollzugsanstalt in Butzbach. Ich kann mich an seine Besuche gut erinnern. Fritz Bauer wurde von den alten Beamten, die 1945 aufgrund der mißlungenen Entnazifizierung wieder eingestellt werden mußten, streng gemieden. Wurde in der Verwaltung bekannt, daß Fritz Bauer die Außenpforte passiert hatte, so verschwanden zuerst die ehemaligen Nazibeamten eiligst in ihre Dienstzimmer, nicht etwa aus Angst, sondern sie lehnten Fritz Bauers „Humanduselei“, wie sie sich ausdrückten, kategorisch ab. Fritz Bauer wurde von vielen Beamten regelrecht gehaßt. Auch junge Beamte lehnten diesen hervorragenden Generalstaatsanwalt ab. Seine Auffassung vom Strafvollzug bedeutete menschlichen Umgang mit den Insassen. Und dies setzte harte Arbeit voraus, wozu nur wenige damals bereit waren. Selbst führende Köpfe des Verwaltungsapparates in den 60er Jahren lehnten seine Einstellung zur Erziehung von Menschen in den "Verwahrungsanstalten" entschieden ab. Es saßen nach 1945 in Frankfurt und Wiesbaden naziverfolgte Männer am Schalthebel der Macht, aber im Gefängnis Butzbach übten die alten Nazi-Wärter weiterhin ihre Macht auf straffällig gewordene Menschen aus. Viele Bedienstete in Uniform waren zumindest noch in den 60er Jahren unfähig, einen vernünftigen Umgang mit den Menschen in der Anstalt zu pflegen. Nur in ganz geringem Maße wurde versucht, erzieherisch auf die straffällig Gewordenen einzuwirken. Daß diese wenigen Leute kaum eine Chance hatten, ihre Vorstellungen durchzusetzen, darf nicht wundern: denn viele jüngere Beamte, die 1955 und später in den Strafvollzug kamen, nahmen das alte, verkrustete und menschenunwürdige Verhalten von den Aufsehern, die schon während des dritten Reichs Gefangene bewachten, willig an. Was lernten eigentlich die Neulinge bei den alten Aufsehern? So gut wie gar nichts.- Etwas lernten sie ganz bestimmt: Wie man Gefangene provoziert, schlägt und absondert. Die Erziehungsmaßnahmen sahen damals wie folgt aus: Die Gegenstände der Gefangenen in der Zelle mußten immer akkurat angeordnet sein: z.B. Bettzeug ohne Falten, und vor allen Dingen mußte der Fußboden auf Hochglanz gebracht werden. Das war aber auch schon alles. Unter den Beamten fand ein regelrechter Wettbewerb statt, wer die schönste und sauberste Station vorzuweisen hatte. War der Beamte in der Lage, diese sekundären „Erziehungsmaßnahmen“ bei den Gefangenen durchzusetzen, bekam er vom „Oberverwalter“ die Note „vorbildlicher Beamter“, der für die Erziehung von Strafgefangenen bestens geeignet sei. Es wurde grundsätzlich nicht geduldet, menschlichen Umgang mit den Insassen zu pflegen. Schon wenn Beamte dies nur versuchten, mußten sie mit einer Rüge rechnen. Es ist beschämend, daß viele Bedienstete nur sehr poltrig mit den Gefangenen umgingen. Viele waren trotz Fachlehrgängen einfach überfordert, einen menschlichen Umgang zu pflegen. Selbst „Oberbeamte“ waren recht faul, wenn sie von Gefangenen darum gebeten wurden, sich bei ihnen einmal aussprechen zu wollen, mittels eines Antrages. Dieser wurde meist erst einmal längere Zeit unbeantwortet gelassen. Wurde der Gefangene daraufhin rebellisch, was ja auch verständlich war, wurde mit Disziplinarstrafen gedroht. Aufgrund dieser Mißstände wurden natürlich manche Insassen aggressiv. Dann kam der gefangene Rebell einfach in vielen Fällen in die Absonderung; wobei es auf dem Weg dorthin oft auch Schläge mit dem Gummiknüppel gab. Wehrte sich der Gefangene, dann wurde noch stärker geknüppelt. Nazimörder in der JVA Butzbach1954 saßen noch folgende Nazimörder in Butzbach mit einer lebenslänglichen Strafe ein: Arnold Strippel (SS-Rapportführer), er war im KZ Buchenwald:... Der Angeklagte Strippel war 1934 aus „Interesse für das Berufssoldatentum“ in die SS gegangen. Dies wirkte sich 1981 als Milderungsgrund für die Teilnahme an der Ermordung von 41 KZ-Häftlingen im Juli 1942 aus. Josef Hirtreiter (...Bei einem Besuch Himmlers, hieß es im Urteil gegen den Gasmeister von Sobibor im Mai 1950, „führte ihm der Angeklagte, angetan mit Stahlhelm und Brustschild, die Vergasungen von 200-300 besonders hübschen jungen Jüdinnen vor.“ Dem Gasmeister Hirtreiter wurden Hunderttausende von Morden zur Last gelegt. Doch fiel es keinem Berliner Staatsanwalt ein nachzuforschen, wer sonst noch daran beteiligt gewesen sein könnte. Nicht anders in Frankfurt, wo Josef Hirtreiter, ein aus dem Hadamar-Verfahren entlassener Pfleger, seine Weiterverwendung in Treblinka ausplauderte. Prof. Gorgaß (Hadamar, Euthanasie. „Die Ärzte Gorgaß und Wahlmann aber waren die alleinigen Mörder in mindestens 1900 Fällen“). Gomerski:... sowie dem 36jährigen Eisendreher Gomerski, der eine „rein handwerkliche Tätigkeit“ ausführte, nämlich das Anheizen des Koksofens, in dem die Leichen verbrannt wurden, hat das Landgericht mangels „Nachweises eines strafbaren Vorsatzes freigesprochen“, in diesem Fall natürlich. Prof. Heyde: „Ein Chef der Euthanasie, der Professor Heyde, war unlängst von einem spärlich gehüteten Inkognito als Dr. Sawade in Flensburg befreit worden. Dort fertigte er, von Eingeweihten in der schleswig-holsteinischen Landesregierung protegiert, Gutachten für das Landesversicherungsamt an. Heyde Sawade verwies die Justiz höhnisch auf die Justiz. Sämtliche Oberlandesgerichtspräsidenten und Generalstaatsanwälte hätten im Reichsjustizministerium das Ausmerzungsprogramm rechtlich abgesichert. Diese ca. dreißig Komplizen verzehrten zufrieden Pension. Am 14. Juni 1961 bot der Deutsche Bundestag allen Richtern, die sich durch ihre Justizmorde belastet fühlten, den Eintritt in den vorzeitigen Ruhestand bei vollen Bezügen an“. Rapportführer Arnold Strippel hatte während seiner Inhaftierung einen Vertrauensposten im Lazarett der JVA Butzbach: Er war sozusagen ein Mann fürs Grobe und Feine. Ständig schlich dieser Mörder um die Lazarettbeamten herum. Natürlich in erster Linie um die alten Beamten, die Verständnis aufbrachten für seine Taten während der NS-Zeit. Wurde im Lazarett geknüppelt, war auch Strippel dabei, um den Beamten bei Gefahr beispringen zu können. Strippel hatte seine Zelle im Lazarett, die tagsüber offen war, aufgrund seines Vorzugspostens in der JVA Butzbach. Gestapobeamter Heinrich Baab aus Frankfurt/Main lag während meiner Dienstzeit in der JVA Butzbach im Lazarett. Was er nun eigentlich für eine Krankheit hatte, ist mir immer schleierhaft geblieben. Baab bestätigte in seinem Prozess nach 1945: daß jüdische Bürger oft in den Kellern der Großmarkthalle gefangengehalten wurden, „bis zu ihrem Abtransport in Güter- und Viehwagen. Arbeiter und Angestellte der Großmarkthalle, die versuchten, den gefangenen Menschen wenigstens etwas Wasser zu bringen, wurden daran vom Bewachungspersonal brutal gehindert. Über die Gleisanlagen der Großmarkthalle wurden zwischen dem 19.10.1941 und dem 8.1.1944 fast zehntausend Menschen in die Vernichtungslager deportiert. Ein großer Teil von ihnen wurde nach Auschwitz gebracht. Für die Gaskammern in Auschwitz lieferte die Frankfurter Firma DEGESCH, eine Tochtergesellschaft der Degussa, das Giftgas Zyclon B. Daß von der Großmarkthalle montags Transporte abgingen, war in der Bevölkerung bekannt. Daß es eine Reise in den Tod sein sollte, daraus machten die zuständigen Gespapo-Beamten gegenüber ihren Opfern keinen Hehl“, so Baab in seinem Prozeß. Besuche mußten nach dem Strafvollzugsgesetz überwacht werden. Baab hatte in dieser Hinsicht Narrenfreiheit. Kein Beamter war anwesend während der Besuchszeit. So wurde es mit den meisten NS-Verbrechern in der JVA Butzbach gehalten. Die kleinen „Eierdiebe“ hat man streng bewacht, die Mörder und Gewaltverbrecher der Nazi-Zeit hatten Privilegien. Gorgaß, der Euthanasie-Professor und Massenmörder von Hadamar, arbeitete in der Anstaltsbibliothek und fertigte Schriftstücke für die Bediensteten der Verwaltung an. Er war sozusagen „Schreiber“ dieser Institution. Gorgaß war stolz, daß er den Namen Strippel im Namensregister in Eugen Kogons Buch „Der SS-Staat“ mit schwarzer Farbe tilgen durfte. Das Buch wurde auch an Gefangene ausgegeben. Um eine Auseinandersetzung zwischen Strippel und anderen Gefangenen zu vermeiden, hat die Anstaltsführung diese Zensur angeblich vorgenommen. Gomerski arbeitete in der Schlosserei der JVA Butzbach. Durch seine Zuverlässigkeit wurde er gerne von Beamten für besondere Arbeiten eingesetzt. Viele duzten ihn. Strafbare Handlungen angezeigt Ich habe während meiner 30jährigen Dienstzeit in der JVA Butzbach mehrmals strafbare Handlungen (Schlägereien) bei der Anstaltsleitung und beim Generalstaatsanwalt in Frankfurt/Main angezeigt. Meine Meldungen wurden auch zur Kenntnis genommen, aber es fanden sich immer Zeugen, die die Unwahrheit sagten: So z.B. 1965 nach meiner Anzeige beim Generalstaatsanwalt Fritz Bauer wegen Körperverletzung im Amt. Trotz Aktenlage, aus der eindeutig hervorging, daß ein Gefangener in die Absonderung gebracht wurde wegen angeblichen Widerstands gegen einen Beamten, wurde die gewaltsame Abführung in den Keller und anschließende schwere Körperverletzung an dem Gefangenen von dabeigewesenen Beamten vor Gericht geleugnet. Ein Beamter, der bei dieser Maßnahme gegenwärtig war, hat später bestätigt, daß der Gefangene so stark mit dem Gummiknüppel geschlagen wurde, daß sein Blut an die Wand spritzte. Dieser Zeuge wurde höchstwahrscheinlich vom damaligen Anstaltsleiter zur Falschaussage gezwungen, indem man ihm mit der sofortigen Entlassung aus dem Vollzugsdienst drohte, sollte er bei der Wahrheit bleiben. Die gerichtliche Untersuchung verlief nun für die JVA Butzbach positiv. Von dem Makel, schwere Körperverletzung im Amt begangen zu haben, wurden die Verantwortlichen freigesprochen. Dies nahm der damalige Personal-Chef zum Anlaß, mir eine sog. „schriftliche Mißbilligung“ auszusprechen. Unter anderem wurde vermerkt, „...ist deshalb für den Dienst im Strafvollzug äußerst ungeeignet“.
Anmerkung:
(1) M. Busch, Zum Problem des Erziehungsbeamten im Stafvollzug, in: Strafvollzug in Hessen, Eine Festgabe für Herrn Min.Rat Prof. Dr. Albert Krebs zum 40jährigen Dienstjubiläum, 1960, S. 188ff. (dort weiterführende und umfangreiche Bibliographie).
Literatur:
Hundert Jahre Strafvollzug in Butzbach, 1894 - 1994, Butzbach 1994 J. Friedrich, Die kalte Amnestie, Täter in der Bundesrepublik, Frankfurt/Main, 1985
1955 Am 12. Mai wird der Geschichtsverein für
Butzbach und Umgebung im Deutschen Haus" wiedergegründet. 1956 Das Dorfgemeinschaftshaus in Bodenrod wird
gebaut. 1958 Die schwedische Firma Fläkt
(Lufttechnik) eröffnet in Butzbach ihre deutsche Zentrale. 1959 Einweihung der Schrenzerschule am 1. April. 1960 Die Schuhfabrik Joutz wird vom Konzern
Freudenberg übernommen. 1961 Seit dem Frühjahr wird die Bahnstrecke
Butzbach - Lich durch Omnibusse befahren. 1962 Anläßlich des 100jährigen Jubiläums
des Taunusklubs Butzbach findet der deutsche Wandertag in Butzbach statt. 1963 Am 14. Mai ist die Übergabe der
Butzbacher Umgehungsstraße (B 3) nach Gießen. Der Bahnübergang Kleeberger Straße wird
am 15. Mai geschlossen. 1964 Am 30. März wird mit den
Reparaturarbeiten an der Markuskirche begonnen. Die Fundamente der Südmauer werden auf 2
Meter Tiefe freigelegt. 1964/65 Bau der evangelischen Kirche in Bodenrod. 1965 Das Kleinkastell Degerfeld" wird ausgegraben. 1966 Am 15. August wird eine Schwesternstation unter der Leitung von Diakonissin Frieda Pomorin aus Ostpreußen eingerichtet. 1967 Karl Heinz Hofmann wird zum Bürgermeister
gewählt. Im September wird die Degerfeldschule eingeweiht. 1968 Grundsteinlegung zum Bau des Bürgerhauses
Butzbach: Bauzeit: 2 Jahre. Einweihung der Sporthalle in der August-Storch-Straße. 1969 Die Schienenstrecke zwischen Pohl-Göns und
Ober-Kleen wird stillgelegt. 1970 Das Bürgerhaus in Butzbach wird
gebaut. 1971 Im September wird der Neubau des Bahnhofs
in Betrieb genommen. 1972 Einweihung des Weidig-Gymnasiums am
Zipfenwald in Butzbach. 1974 Das Hallenbad wird am 17. Oktober
eingeweiht. 1975 Am 1. Januar erfolgt die Übernahme der
Kassengeschäfte der Gemeinde Ebersgöns durch die Butzbacher Stadtkasse. Die
Einwohnerzahl der Kernstadt Butzbach beträgt 9 634. Hinzu kommen die eingemeindeten
Stadtteile einschließlich Ebersgöns, so daß die Gesamteinwohnerzahl von Butzbach 21 636
überschreitet. Die Gesamtfläche beträgt über 100 qkm, davon etwa 40% Waldfläche. In
der letzten Woche des Monats August wird die 12OO-Jahrfeier zur ersten urkundlichen
Erwähnung von 773 begangen. 1977 Gesetzliche Eingliederung von Ebersgöns in
die Stadt Butzbach mit Wirkung vom 1.Januar. 1978 Das Sozialzentrum mit Altenheim und die
Markt- und Reithalle werden gebaut. 1979 Die ehemalige Schule in Ostheim wird erweitert und zum Dorfgemeinschaftshaus umgebaut. 1980 Nieder-Weisel wird in das Dorferneuerungsprogramm aufgenommen. 1982 Butzbach und seine Stadtteile haben 62 Industrie-, 60 Großhandels-, 262 Einzelhandels- und 40 Verkehrsbetriebe, daneben auch 67 Gaststätten. Die wichtigsten Betriebe nach den Beschäftigungszahlen sind: Fläkt, Luwa-SMS, Tröster, Faun, Butzbacher Weichenbau, Davy Bamag, Lochblech- und Stanzwerk, Stahl-Vogel, Butzbacher Schleifmittelwerke, Gebr. Sulzer, Druckerei Lembeck und die Kellerei Müller. 1983 Das Naturschutzgebiet Klosterwiesen
von Rockenberg und Griedel" entsteht durch eine Verordnung vom 22. Juli. 1985 Am 15. Januar wird eine
Verordnung über ein zukünftiges Landschaftsschutzgebiet Auenverbund Wetterau"
erlassen. Damit sollen Flora geschützt und Rast- und Überwinterungsplätze für
Vögel sichergestellt werden. 1987 Am 13. Dezember wird die
Wendelinskapelle nach langjähriger Renovierung eingeweiht. 1988 Am 1. Januar wird der Butzbacher
Ferkelmarkt eingestellt, nachdem kein Bedarf mehr besteht. 1989 Als wahrer Besuchermagnet erweist sich
die Ausstellung "5000 Jahre Schuhmode en miniature" von Richard Fenchel im Butzbacher
Museum, denn über 3500 Besucher werden gezählt. 1990 Das Röhricht der Rockenberger
Klosterwiesen wird von der Hess. Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz und vom
Hess. Naturschutzzentrum als Biotop des Jahres vorgestellt.
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