Butzbach im 20. Jahrhundert

Eine Chronik

1900

Am 1. 4. wird der Verlag des „Wetterauer Boten" von K. Schneider mit der „Butzbacher Zeitung" durch Kauf vereinigt.
Am 4. Juli wird der Turnverein Nieder-Weisel gegründet.
Am 2. Oktober wird der Geschichtsverein Butzbach gegründet. Vorsitzender wird Direktor Herrmann Jäger, Schriftführer August Storch, Rechner O. Weide. Ein Hallstattzeit-Gehöft wird durch W. Soldan im Zipfen aufgedeckt.
Am 10. Oktober legt Wilhelm Joutz sein neues Bürgermeisteramt nieder; Bernhard Küchel IV. wird für 9 Jahre gewählt.
Durch A. Wamser wird das Frauenturnen eingeführt.
Die Ostheimer Markwaldanteile werden verkauft und eine erste Flurbereinigung beginnt.

1901

Die Brauerei Melchior kauft die „Wilhelmshöhe" für 11 500 Mark sowie die Brauerei Neidhard. Die Farbenfabrik (Inh.Herrmann Küchel) wird an Patz verkauft. Die neue Schuhfabrik Jakob Rumpf & Söhne wird am 10. Oktober an der Ludwigstraße in Betrieb genommen.
Der „Neue Weg" wird „Ludwigstraße" benannt.
Das Elektrizitätswerk wird durch das Maschinen- und Kesselhaus neben dem Akkumulatorenraum erweitert. Davor stand hier das im Jahr 1823 erbaute städtische Brauhaus, das bis 1850 benutzt wurde.
Am 12. April wird „Hügel IV" der hallstattzeitlichen Hügelgrabgruppe im Zipfen ausgegraben.
Gründung des Turnverein „Frisch-Auf" von Pohl-Göns.

1902

Der Gesangverein „Harmonie" löst sich am 15. Januar auf. Das Vereinskapital von 100 Mark wird dem Kirchenbaufonds übergeben.
Direktor Herrmann Jäger wird nach Offenbach an die Oberrealschule versetzt. Dr. Krag tritt an seine Stelle.
Am 15. April wird die Butzbach-Licher Eisenbahn-Aktiengesellschaft gegründet: Vorsitzender wird Wilhelm Joutz mit 19 Stimmen (Fenchel, Griedel, 12 Stimmen) und für 6 Jahre gewählt. Er befürwortet die Zusammenarbeit von Stadt und Land.
Eröffnung eines neuen Bankgebäudes des Mathildenstifts am 13. Dezember in der Bismarckstraße.
Bau eines Spritzenhauses (Turm mit Gerätehalle) neben der Reithalle. Das alte Gebäude wird zu einem Elektrizitätswerk umgebaut.
Am 15. Dezember bekommt Kirch-Göns eine Haltestelle an der Main-Weser-Bahn.
Nachdem das „Seechen" in Ostheim zugeschüttet war, baut man an der Stelle die neue Schule mit Wohnungen für zwei Lehrer. Daneben entstehen Turn- und Sportplatz auf dem ehemaligen See.

1903

Im Januar werden bei einem Großbrand 5 Scheunen in der Nieder-Weiseler Hintergasse vernichtet.
Das Museum wird am 4. Juli durch Vertrag vom Geschichtsverein der Stadt übergeben.
Am 11. Oktober widmet August Storch dem Gasthaus „Eule" in seiner Chronik ein Gedicht mit dem Titel „Lob der Eule".
Die Markuskirche wird über 2 Jahren lang renoviert. Dabei werden die großen bunten Glasfenster im Jugendstil gestiftet.

1904

Am 28. März wird die Bahnstrecke Butzbach - Lich mit einer ersten Fahrt nach Lich in Betrieb genommen.
Am 23. Oktober ist die Neu-Einweihung der Markuskirche nach Renovierungsarbeiten (seit 1903).
Am Gasthaus „Zur alten Post" wird das Fachwerk aufgedeckt.
Gründung des Radfahrvereins „Germania" Nieder-Weisel.
Gründung der Firma A. W. Heil Teigwarenhersteller („Wetterauer Eiernudeln").

1905

Die neue Glocke für die Markuskirche wird eingeholt.
Zum 100. Todestag von Friedrich Schiller findet eine Aufführung des Schauspiels „Die Glocke" mit Laiendarstellern statt.
Heinrich Müller übernimmt die Gaststätte Fett mit dessen Kelterei in Ostheim.

1906

Im Rahmen des deutschen Vereins für ländliche Heimat-, Wohlfahrts- und Kunstpflege, findet ein Trachtenfest statt. Ein Zweigverein Butzbach wird gegründet. Hauptfesttag ist der 17. Juni (Trachtenzug, Festspiel „Lieb Heimatland" von August Storch).
In Hoch-Weisel wird eine neue Wasserleitung fertiggestellt und die Flurbereinigung beendet.

1907

Im März findet eine Feier anläßlich des 200. Geburtstags von Paul Gerhard statt.
Das Heimatmuseum wird am 16. Juni in der wiederhergestellten Michaeliskapelle anläßlich der 2. Tagung des hessischen Vereins für ländliche Heimat-, Wohlfahrts- und Kunstpflege eröffnet.
Die Eisengießerei in der Fabrik A. J. Tröster wird neu gebaut.
Die Stadt Butzbach errichtet ein Forsthaus.
Kaiser Wilhelm II. besichtigt die Komturkirche in Nieder-Weisel.
Erstes Telefon in Hausen.

1908

Bei der Landtagswahl stimmen 24 Wahlmänner für Wilhelm Joutz, 5 für Fenchel aus Ober-Hörgern. Es ist wenig Wahlinteresse, da vielen das seitherige Wahlverfahren zuwider ist.
In Nieder-Weisel findet ein großes Missionsfest statt.
Der TSV Ostheim wird gegründet.

1909

Der Hausberg- und Verschönerungsverein wird am 1. Januar Zweigverein des Taunusklubs.
Im April finden mehrere Aufführungen des Schauspiels „Alt-Heidelberg" mit Laiendarstellern statt.
Die Nebenbahn Griedel - Bad Nauheim wird am 1. Mai eröffnet, die Strecke Lich - Grünberg wird am 15. Juli in Betrieb genommen.
Am 1. September fliegt der Zeppelin III über Butzbach.
Bei den Bürgermeisterwahlen am 14. September stimmen 247 für Wilhelm Joutz und 212 für Bernhard Küchel.
Aus Mitteln des Klausenfonds baut man in Hoch-Weisel ein Schwesternhaus, in dessen Oberstock vier Zimmer zur Aufnahme von Kranken aus den Pfarreien Hoch-Weisel, Ostheim und Münster bereitstehen, die den Bezirk des Klausenstifts bilden. Die beiden Schwestern stellt der hessische Diakonie-Verein. Marianne Klarmann und Emilie Eck sind die ersten Schwestern überhaupt, die der erst einige Jahre zuvor gegründete Verein zur Gemeindepflege aussendet. Die Station besteht bis in die 70er Jahre.

1910

Die Wahl von Wilhelm Joutz wird wegen seines Konkurses und wegen Überschuldung nicht bestätigt. Der bisherige Beigeordnete Flach wird am 24. Januar zum Bürgermeister gewählt. Damit ist das über ein Jahr bestehende Interregnum beendet.
Der Vogelsberger Höhenclub wird am 1. Februar gegründet.
Am 4. März wird der Verein für Rasenspiele (VfR) in Butzbach gegründet.
Am 1. April zerspringt die große Glocke der Stadtkirche beim Läuten.
Die Mädchenschule wird aufgehoben, die Mädchen werden zum Teil in die Realschule übernommen.
Der Buchdrucker Wittig veranlaßt die Gründung einer Ortsgruppe der SPD.
Ein großes Sängerfest findet in Butzbach statt.

1911

Die große Glocke der Markuskirche wird am 12. April umgegossen und am 21. Juli feierlich eingeholt.
Nach Ablauf der Dienstzeit des jetzigen Bürgermeisters wird ein besoldeter Bürgermeister für jeweils 9 Jahre angestellt. Bei der Landtagswahl am 3. November wird zum ersten Mal nach direktem und geheimem Pluralwahlrecht gewählt und zwar Wilhelm Joutz als Abgeordneter. In Nieder-Weisel gibt es 1451 Einwohner, davon 27 Katholiken und 69 Isrealiten.
Eine große Flurbereinigung der Gemarkung Fauerbach v.d.H. wird abgeschlossen.

1912

Die neue Hoch-Weiseler Schule wird auf dem Klausenhof bei der Kirche gebaut.

1913

Die Kirche in Ostheim wird renoviert und die Malerei aus dem 2. Viertel des 15. Jhs. wiederhergestellt. Dort wird auch eine freiwillige Feuerwehr gegründet und eine elektrische Lichtanlage erhellt das Dorf.

1914

In Europa beginnt der Erste Weltkrieg.
Das Stadtarchiv wird am 7. Februar in die Michaeliskapelle überführt und geordnet.
Am 22. März brennt zum ersten Mal elektrisches Licht in Nieder-Weisel.
Der Neubau des Krankenhauses der Johanniter in Nieder-Weisel wird eingeweiht und dann als Lazarett benutzt.

1916

Der elektrische Strom wird nun vom Überlandwerk (Hefrag) bezogen.

1917

Die alte große Glocke in Butzbach, die beiden großen Glocken in Kirch-Göns und die große Glocke in Maibach werden zum Einschmelzen für den Krieg geholt.
Am 30. September findet eine Feier im Lustgarten zum 70. Geburtstag von General Hindenburg statt.
Eine Reformationslinde wird am 31. Oktober auf dem Kirchhof vor der Stadtkirche gepflanzt.
Im Winter findet aus Kohlenmangel der Gottesdienst im Butzbacher Rathaussaal statt.
Im Ostheimer „Schwan" wird ein Gefangenenlager eingerichtet.

1918

Deutschland wird Republik
Am 12. November berichtet die Butzbacher Zeitung, daß der Butzbacher Arbeiter- und Soldatenrat dafür zu sorgen habe, daß „die Ordnung in der Stadt aufrechterhalten werde und die Ernährungsfrage geklärt werden müsse, da dies nicht Aufgabe der Stadt sei." Am gleichen Tag wird zur Bildung einer Bürgerwehr aufgerufen. Vorsitzender des Butzbacher Arbeiter- und Soldatenrates ist Bruno Wittig. Weitere bedeutende Butzbacher Politiker dieser Zeit sind: der Fabrikant A.W.Heil, der Schreiner Karl Schmidt, der Gerbermeister Georg Linkmann, der Rechtsanwalt Ohnacker, und der Fabrikant Josef Oppenheimer.

1919

Die Meguin AG wird aus Dillingen/Saar nach Butzbach verlegt. 1925 wird die Meguin AG von der Bamag AG übernommen. Die Pintsch-Bamag entwickelte sich zum größten Betrieb in Butzbach (c. 2 500 Arbeitnehmer), 1970 aufgelöst in: Butzbacher Weichenbau GmbH, Pintsch Bamag Gastechnik GmbH, Faun-Werke, Davy Bamag GmbH (englisch), Verfahrenstechnik. Lochblech und Stanzwerk Butzbach, vormals Meguin, Schmitt und Co., gegr. 1895 in Dillingen/Saar. Die Firma Samesreuther & Co. GmbH und das Lochblech- und Stanzwerk werden gegründet.

1920

Am 1. April wird der Butzbacher Apotheker und Medizinalrat Dr. Emil Vogt (16.5.1848-20.5.1930) 23. Ehrenbürger der Stadt. Er war Stadtverordneter, Mitglied des Hess. Landtags, Mitbegründer der Kriegerkameradschaft, Vorstand der örtlichen Roten Kreuzgruppe, u.a.m.
Der Kleingartenbauverein in Butzbach wird gegründet. Zum ersten Vorsitzenden wird A.W.Heil gewählt. Nach ihm wird Bruno Wittig Vorsitzender.
Der Butzbacher Fabrikant Dreher stellt ein Gebäude in Bodenrod für ein Kinderheim zu Verfügung.

1921

Das Erdgeschoß des Gasthauses „Zum goldenen Löwen"wird von der Mitteldeutschen Creditbank umgebaut.
Am 16. und 17. Juli wird das 600jährige Stadtjubiläum gefeiert (Historische Ausstellung, Festschrift).
1.450 Mitarbeiter werden von der Meguin AG beschäftigt, 1923 sind es bereits 2.500. Man spricht euphorisch von Butzbach als „kleines Essen". Entsprechend schwer ist der Rückschlag, als das Unternehmen 1970 geschlossen wird.
Adolf Reichwein führt ein Bauern-Arbeiter-Studentenlager in Bodenrod durch, um die sozialen Barrieren niederzureißen.
Über Butzbach schreibt der Schriftsteller Hermann Siegfried Rehm: „Die Butzbacher von ehedem scheinen ein lustiges und bewegliches Völkchen gewesen zu sein, bei denen namentlich der Tanz eine große Rolle spielte..."
Der Schützenverein und der Sportverein Nieder-Weisel werden gegründet.

1922

Der Ehrenmal der Gefallenen auf dem Friedhof in Nieder-Weisel wird eingeweiht.
In Nieder-Weisel wird am 25. August 1922 der "Musikverein Nieder-Weisel" gegründet. Nach einiger Zeit können in Frankfurt die ersten Instrumente gekauft werden; bezahlt wird wegen der Weltwirtschaftskrise nicht mit Geld, sondern mit Naturalien: Ein Althorn z.B. ist für zwei Zentner Weizen zu haben.

1923

Die Brauerei Melchior wird mit der Brauerei Ihring vereinigt.
Die neue Stadtschule wird eingeweiht.
Am 4. Juli wird die Kapelle der Freiwilligen Feuerwehr in Butzbach
gegründet. Durch die fortschreitende Inflation wird viel Geld für den Instrumentenankauf benötigt. Es kommen insgesamt 244 Billionen, 100 Milliarden Reichsmark zusammen.
Die neue Werkschule der Firma Meguin-AG nimmt am 18. Oktober den Unterricht auf. Die Schule wird am 30.März 1926 geschlossen.

1924

Die Herrel-Wollweberei wird gegründet.
Am 28. März wird der Hexenturm an eine Nerother Wandervogelgruppe als Treff übergeben. Die Gruppe wird 1928 aufgelöst und der Turm geht an eine evangelische Jugendgruppe. 1933 zieht dort die Hitlerjugend ein.
Der Radfahrverein in Kirch-Göns wird gegründet.

1925

Die Vereinsbank wird gegründet. Der Betrieb läuft zunächst im Hause Eiff.
Die August-Storch-Hütte auf dem Schrenzer wird eingeweiht.

1926

Die ersten Butzbacher Abiturienten werden am 4. März von der Schule entlassen. Die Oberrealschule bekommt den Namen Weidigschule. Eine Synagoge wird am 20. März am Viehmarktplatz eingeweiht; der Betsaal im Rathaus wird aufgegeben.
Am 4. Juli findet die feierliche Einholung der neuen großen Glocke, der „Gedächtnisglocke", statt.
Im September wird die Vereinsbank in den Löwen verlegt, das Geschäftsvolumen der Zweigstelle der Mitteldeutschen Kreditbank wird übernommen.
Die Butzbacher Schleifmittelwerke August Wenzel werden gegründet.

1927

Das Rathaus-Fachwerk wird freigelegt. Der „Löwe" im Fachwerk wied wiederhergestellt. Am 10. Oktober ist Einweihung des neu errichteten Marktbrunnens.

1928

Die Butzbacher Geschichts- und Heimatblätter werden (bis Okt. 1940) von Professor Horst als Beilage zur „Butzbacher Zeitung" herausgegeben.
Die Wetzlarer Straße wird asphaltiert.
Am 14. Juli wird ein Weidig-Denkmal auf dem Schrenzer eingeweiht. Neben Weidig werden auch Reliefs von den Reichspolitikern Matthias Erzberger, Friedrich Ebert und Walter Rathenau angebracht.
Betreiber des Denkmals sind vor allem Mitglieder der örtlichen Gruppe der SPD-nahestehenden Marschtruppe Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold und deren Verbindungsmann zur Schupo August Lauriolle (1933-1945 in Südfrankreich im Exil)

1929

Am 29. Juni ist Einweihung des Gedenksteins für die Dragonergarnison 1818-1897 in Gegenwart des Großherzogs Ernst Ludwig.
In Griedel findet ein Verbandsfest des Bezirks Butzbach-Bad Nauheim der Kriegerkameradschaft „Hassia" am 7. und 8. Juli statt.

1930

Das Luftschiff Graf Zeppelin fliegt über Butzbach und Umgebung am 1. Juli. Ein Foto des Zeppelins über Butzbach wird am 10. August aufgenommen.
Ein großes Baseler Missionsfest findet in Nieder-Weisel statt.
Der Musikverein Hoch-Weisel wird am 25. November gegründet.

1931

Die Pfarrstelle Kirch-Göns wird mit Pohl-Göns vereinigt.

1932

Der 38jährige Dr. Heinz Scheller wird am 1. August Bürgermeister von Butzbach.
132 Personen zählen zur jüdischen Gemeinde in Butzbach.

1933

Am 30. Januar, einem Montag, kurz nach 11 Uhr, ernennt der Reichspräsident Paul von Hindenburg in seinem Berliner Amtssitz den Führer der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP), Adolf Hitler, zum Reichskanzler des Deutschen Reiches.
Der Aufbau des terroristischen Führerstaates beginnt.
Betrachtung zu Hitler
 "Charismatische Herrschaft ist lange Zeit vernachlässigt und lächerlich gemacht worden, hat aber offenbar weit zurückreichende Wurzeln und wird, wenn die geeigneten psychologischen und sozialen Bedingungen erst einmal vorhanden sind, zu einer machtvollen Antriebskraft. Die charismatische Macht des Führers ist kein bloßes Trugbild - niemand kann bezweifeln, daß Millionen an sie glauben". Franz Neumann 1942 

"Zur Erinnerung an die Reichstagswahl am 12.11.1933 in Butzbach und treue Mitarbeit, die nationalsozialistische Kriegsopferveinigung e.V". Aufgenommen vor dem Vereinslokal der NSDAP Ecke Weiseler Straße/Bismarckstraße. Auf dem Bild zu sehen: Butzbacher Geschäftsleute, Beamte und Lehrer.

Zum 1. Oktober werden die Vereine „Orpheus" (1838) und „Eintracht" (1905) zu „Vereinigte Männerchöre Orpheus-Eintracht" zusammen geschlossen.
Die Weidigschule wird zu Ehren von Prof. Dr. Ferdinand Werner, Lehrer an der Weidigschule von 1910-1933, der am 13.März 1933 der erste nationalsozialistische Staatspräsident von Hessen wurde, von 1933-1945 Weidig-Werner-Oberrealschule genannt.

1934

Butzbach wird wieder Garnisonsstadt.
Die frühere Gewerbe- und Landwirtschaftsbank, zuletzt Volksbank genannt, wird mit der Vereinsbank verschmolzen (Mai).

1935

Dr. Scheller wird am 1. Februar als Bürgermeister nach Oppenheim versetzt. Dr. Richard Mörschel wird Butzbachs neuer Bürgermeister.
Der Reinerlös des „Deutschen Abends" der "Weidig-Wernerschule" vom 9. Februar im Deutschen Hof fließt dem Winterhilfswerk zu.

1936

Die Verfolgung Butzbacher Bürger jüdischen Glaubens wirkt sich verheerend aus: Die jüngeren Familien wandern aus; Studenten müssen ihr Studium aufgeben und die Kinder durften ab dem 2. März 1936 nicht mehr in die Butzbacher Schulen gehen.
Das Reich erwirbt am 5. April Gelände in Kirch-Göns für einen Flugplatz. Erst 1941 sind alle ehemaligen Besitzer entschädigt worden. Bei der Rodungsarbeit am Flugplatz werden mehr als 30 Hügelgräber der Hallstattzeit gefunden.
Während des Autobahnbaus werden beim Planieren der Fläche 1936 in der Nähe der Autobahnbrücke bei Griedel von km 45.325 bis km 45.465 Siedlungsstellen der Bandkeramiker untersucht und dokumentiert; nach der geborgenen Keramik gehört das frühneolithische Wohngebiet in die Stufe „Flomborn": um 5 500 v. Chr.


1937

Am 28. Februar findet eine Gedenkfeier zum 100. Todestage Weidigs im Hotel „Hessischer Hof" statt. Am 12./13. Juni wird das erste Weidigbergfest veranstaltet, verbunden mit der Einweihung des Weidiggedenksteins.
Am Totensonntag wird das Ehrenmal für die 113 während des ersten Weltkriegs gefallenen Gemeindemitglieder der Markuskirche eingeweiht.

1938

Die Pogromnacht vom 9. November 1938 in Butzbach
Seit der Machtübernahme Hitlers im Jahr 1933 wurde es für Butzbacher Geschäftsleute jüdischen Glaubens immer schwerer, ihrem Kaufmannsberuf nachzugehen, bis das Geschäftsleben 1938 ganz aufhört.
Nach dem 10. November 1938 hat man fast alle Männer der Butzbacher jüdischen Gemeinde verhaftet: Am 14. Dezember 1938 unterschreiben Hermann Löb und Leopold Rosenblatt, beide Vorstände der Butzbacher israelitischen Religionsgemeinde und mittlerweile ins KZ Buchenwald deportiert, dort im Beisein des Notars Teubner des Verkauf eines Grundstücks, auf dem die Synagoge gestanden hat. David Grünebaum, das dritte Vorstandsmitglied der Gemeinde, war schon wieder entlassen worden und unterschreibt den Vertrag zuhause.
Wer in Butzbach an den Pogromen teilnahm, ist bis heute nicht geklärt. Auch in Butzbach schweigen die Bürger darüber. Viele Menschen waren sicher am 10. November in der Stadt und haben auch Täter während ihrer Verbrechen gesehen und auch erkannt. Heute sind es nur noch sehr wenige Menschen, die darüber Auskunft geben könnten, die meisten sind mittlerweile verstorben. Der Verfasser dieser Chronik war damals 7 Jahre alt und kam gerade aus der Langgassenschule, als diese ungeheuerlichen Verbrechen in unserer Stadt geschahen: Auf dem Marktplatz ging es sehr gewaltvoll zu: Karussells, Schiffschaukel und Buden wurden für den anstehenden Katharinenmarkt aufgebaut und dazwischen lagen Bettzeug und Möbelstücke, die aus den Fenstern eines Hauses am Marktplatz flogen. 
Erforscht ist, dass das Uhrenwarengeschäft Hermann Löb Griedeler Straße 9 zerstört wurde . Wertvolle Standuhren warf man auf die Straße. Angehörige der SA stampften mit ihren Stiefeln in Uhren und Schmuckwaren herum. Viele Wertgegenstände wurden entwendet. Als diese abends in einer hiesigen Gastwirtschaft verkauft werden sollten, warf der Wirt die Diebe und Hehler angeblich aus dem Lokal hinaus. In der folgenden Nacht vom 10. zum 11. November wurde das Geschäft von einem Rädelsführer der „Aktion“ bewacht. Auch HJ-Angehörige sollen sich an den Verbrechen beteiligt haben. Frau Löb ist an den Folgen eines Trittes in den Unterleib, der ihr während der Ausschreitungen zugefügt worden ist, sechs Wochen später gestorben: Der Kapitalverbrecher, der diese Tat begang, ist nie ermittelt worden. Sollte er erkannt worden sein, dann muss man fragen, konnten die Mitwisser, wenn sie noch leben sollten, überhaupt jemals ruhig schlafen?  
Butzbacher Zeitzeugen berichteten, dass sich besonders ein damaliger Stadtverordneter und Vize-Bürgermeister und der SA-Sturmführer E. an den Taten beteiligt haben sollen. Der damalige Nazi-Bürgermeister Dr. Richard Mörschel hat die Verbrechen gebilligt. Er hat nicht eingegriffen und sich dieser schweren Verbrechen mitschuldig gemacht. 
Bereits am 11. August 1933 wurde vom Sturmführer Emrich eine Liste verfasst, die schon 106 Mitglieder der SA-Männer in Butzbach enthält, des Sturms 1/222.
Am 11.11.1938 berichtete die Butzbacher Zeitung über die Verbrechen an Butzbacher Bürgern jüdischen Glaubens folgendes:

„Die Empörung des Volkes machte sich Luft. Der feige Mord an dem deutschen Diplomaten, den der gedungene Jude Grünspahn in Paris verübt hat, hat auch in der Butzbacher Bevölkerung wie im ganzen Reich einen gerechten Zorn und eine tiefe Empörung gegen die gesamte Judenschaft hervorgerufen. In einer spontanen Kundgebung haben sich die Butzbacher Volksgenossen gestern in den Mittagsstunden gegen diese Volksfeinde gewandt. Es kam in allen Teilen der Stadt vor den jüdischen Geschäften und Wohnungen zu erregten Demonstrationen, wobei die Geschäfte und Wohnungseinrichtungen in Trümmer gingen. Desgleichen fiel auch der Judentempel, die Synagoge, dem gerechten Volkszorn zum Opfer. Nachdem zunächst dieser Tempel der staatsfeindlichen Verschwörung zerstört worden war, ging er plötzlicch in Flammen auf und brannte vollkommen aus. Die Feuerwehr musste sich darauf beschränken, die umliegenden Häuser zu schützen, insbesondere das Übergreifen des Feuers auf das benachbarte Lack- und Farbenlager (Firma Zöllner, d. Verf.) zu verhindern. Sämtliche Juden wurden in Gewahrsam genommen und ihnen großzügig der Schutz des Staates gewährt. Trotz der berechtigten Empörung kam es jedoch nicht zu Tätlichkeiten. Die Bevölkerung bewahrte auch in diesen Stunden volle Disziplin. Sofort nach Bekanntwerden der Anordnung des Reichsministers für Volksaufklärung und Propaganda wurde die Aktion beendet. Der Judenschaft aber beweist dieser Ausbruch des Volkszorns, dass sich das deutsche Volk nicht mehr von den jüdichen Parasiten beschimpfen und angreifen lässt.“

Dr. Richard Mörschel, der Butzbacher Bürgermeister von 1935 bis 1945, ist am 23. April 1975 gestorben. In einem Nachruf der Wetterauer Zeitung werden seine Verdienste hervorgehoben, besonders sein Engagement gegenüber Menschen, „die nicht von diesem Leben verwöhnt wurden.“ Er wird unter anderem auch selbst zitiert: „Für mich persönlich war es das Schlimmste, was einem Menschen widerfahren konnte, wenn ihm die persönliche Freiheit entzogen wurde und er nicht mehr – wie er es einmal formulierte – Herr seines eigenen Willens war. Nach meiner Auffassung konnte nur derjenige ehrlich und redlich und mit Überzeugung von Freiheit sprechen und leidenschaftlich dafür kämpfen, der schon einmal Unfreiheit erleben musste.“ Auf Anordnung von Dr. Mörschel wurde 1938 der Butzbacher jüdische Friedhof zerstört, die Grabsteine sollen zum Teil vermauert worden sein. Der alte Zustand des Friedhofs konnte nicht mehr hergestellt werden. In einer Akten-Notiz vom 6.1.1948 heißt es: Nach den vorliegenden Rechnungen betragen die Kosten vorläufig RM 392,90. Diese werden zunächst von der Stadt übernommen. Sie sollen von dem früheren Bürgermeister Dr. Mörschel, auf dessen Veranlassung die Grabsteine entfernt wurden, zurückgefordert werden (H/ZR 79/116 090/62 160).

Butzbacher Verhältnisse; 1. Hälfte oder Mitte der 30er Jahre  

1939

Deutschland überfällt Polen. Der zweite Weltkrieg bricht aus.
Das Dorf Griedel hat 884 Einwohner, von denen 49% noch Landwirtschaft betreibt. In der Gemarkung befinden sich 10300 Obstbäume.
Am 28. August treten die Lebensmittelkarten und Bezugscheine für Kohlen, Schuhe und Spinnstoffe in Kraft, am 9. September folgen Mehl- und Brotkarten. 
Der Lebenslauf, vor allem die Wanderjahre, des Butzbacher Hufschmieds Friedrich Grauer (1846-1937) erscheint in dem Buch „Ein fahrender Gesell" von Franz Naumann.

1940

Für Ostern 1940 gelten die Weihnachtszeugnisse von 1939, da infolge des großen Kohlenmangels nur sehr kurze Zeit Unterricht war.
Der Papierfabrikant und langjährige USPD/KP Abgeordnete im Stadtparlament, Josef Oppenheimer, stirbt am 21. Oktober im KZ Dachau.

1941

Im Januar werden die Lehrer gebeten, auf die Wintersachensammlung hinzuweisen, aber auch Skier und Schlitten sind als Spende für den Rußlandfeldzug willkommen. Lehrer, die zur Wehrmacht eingezogen worden sind, sollen mit Päckchen und Berichten vom Schulleben bedacht werden.

1942

Auf der Wannseekonferenz beschließen die Nazis, die Juden ganz Europas systematisch zu ermorden.
Am 8. September werden die letzten 17 Juden aus Butzbach von der Gestapo in die Vernichtungslager transportiert. Die jüdischen Bürger der Stadt Butzbach werden auf einen offenen Lastwagen getrieben und anschließend ein paar Mal um den Marktbrunnen herum gefahren, im Angesicht von Hitlers Vasallen, die von der Rathaustür aus dieses Geschehen lächelnd beobachten. Weil der junge Frank Spiro (12 Jahre) wegen seiner Schwächlichkeit nicht auf den Lastwagen aufsteigen kann, wird er von Nazi-Schergen geschlagen: Viele Butzbacher Bürger, die sich als "Gaffer" in der Stadt aufhalten, protestierten weder, noch greifen sie ein. Alle Angehörige der Familie Spiro werden in Polen ermordet.

1943

Der Vorschußverein wird der Vereinsbank angeschlossen.
In der Nacht vom 23. zum 24. Dezember stürzt ein amerikanisches Flugzeug bei Ostheim ab, wobei sechs Mitglieder der Besatzung den Tod finden.

1944

Unter zahlreichen Fliegerangriffen sind die verlustreichsten am 26. November mit 44 Toten, 37 Schwer- und über 200 Leichverletzten; am 27. Dezember mit 8 Toten, 4 Schwer- und 30 Leichtverletzten. Am 4. Dezember fällt eine Bombe in der Kirch-Gönser Taubgasse, 2 Scheunen werden zerstört. Ende Dezember wird auch der Flugplatz in Kirch-Göns durch Bomben zerstört.

1945

Am 22. Februar greifen Tiefflieger über Kirch-Göns mit Maschinengewehren an. Die Scheune des Friedrich Binzer in der Bahnhofstraße geht in Flammen auf.
Weitere schwere Fliegerangriffe finden statt am 9. März mit 59 Toten und vielen Verletzten und am 11. März mit sogar 140 Toten.
Die Konfirmationen in den Kirchen verlaufen wegen des Kriegs sehr ungewöhnlich: In Hoch-Weisel z.B. werden die Kinder am Mittwoch vor Ostern morgens um 6 Uhr konfirmiert.
Am 22. März werden die Bahnlinie und eine Brücke über der Bahn bei Kirch-Göns bombardiert. Am 24. März verlässt die Besatzung des Flugplatzes ihren Standort.
Am 29. März wird Butzbach durch eine amerikanische Panzerabteilung besetzt. Endlich werden gegen 10.30 Uhr auf Zuchthaus, Amtsgericht und Rathaus weiße Laken gehisst. Auf der „Reichsstraße 3", von Nieder-Weisel kommend, fahren Panzer der 6. US-Panzerdivision (Generalmajor Grow) in Butzbach ein. Dr. Mansfeld geht ihnen alleine entgegen und erwartet sie am Haus Weiseler Straße 64. 
Angeblich "unbelastete" (oder Mussnazis) Bürger gründen Ortsgruppen der politischen Parteien (CDU, FDP, KPD, SPD, BHE). Der Soldatenfriedhof südwestlich von Nieder-Weisel wird mit Gefallenen aus den Kämpfen im März belegt.

1946

Im März kommen die ersten Vertriebenen in Butzbach an. In der Schloßkaserne wird ein Durchgangslager für Kriegsflüchtlinge eingerichtet; die Menschen werden von hier aus bei Bürgern in den benachbarten Dörfern untergebracht. Jede Woche kommen 4 bis 6 Güterzüge mit Vertriebenen und Flüchtlingen an.
Die Schule in Kirch-Göns wird dreiklassig. Zwei Jahre später sind es vier Klassen. 
Auch in Butzbach und seinen Stadtteilen wird die "Entnazifizierung" durchgeführt. Alle ehemaligen Pgs. betrachteten sich als "Mussnazis": Sie waren auf einmal Opfer des Hitler-Regimes. Sog. "Persilscheine" halfen ihnen zur weißen Weste.

1947

Der erste Prediger der Stadtmission (gegr. von Kaufmann Georg Dinkel) wird eingesetzt.

1948

Am 20. Juni tritt die Währungsreform in Kraft. Es gibt eine Abwertung auf 1/10 und ein Kopfgeld von 40,00 DM.

1949

Der ehemalige Pg. (Nazizeit) Dr. Scheller wird am 2. Mai zum Bürgermeister von Butzbach gewählt. Im 2. Halbjahr verschwinden die Lebensmittelkarten. Nur die Zuckerkarten gibt es noch bis Februar 1950.
In Ostheim gibt es noch 60 landwirtschaftliche Betriebe, drei Bäckereien, drei Metzgereien, zwei Schreinereien, zwei Schuhmacherwerkstätten, eine Schmiede, einen Gartenbaubetrieb, fünf Einzelhandelgeschäfte, drei Friseure, zwei Gastwirtschaften, die Molkereigenossenschaft, eine An- und Verkaufsgenossenschaft und eine Kelterei, die gleichzeitig der größte Betrieb im Ort ist.

1950

Am 4. Juni wird die Freiwillige Feuerwehr Hausen gegründet.

1952

Die beiden neuen Flügel der Stadtschule sind vollendet.
Eine Magistratsverfassung wird am 30. Mai eingeführt. Bei einem Kugelhausfonds-Vergleich erhält die Stadt 172 600 m² Gelände.
Die Wendelinskapelle und das Hospital gehen vertraglich in den Besitz der Stadt über.
Im Herbst beginnt der Bau des Ayers Kaserne in Kirch-Göns.
Gründung der Freiwilligen Feuerwehr in Bodenrod und Maibach.

1953

Am 20. September ist Einweihung der neuen Glocke der Stadtkirche. Die katholische Pfarrkirche St. Gottfried wird am 18. Oktober geweiht.
Die 1945 von den Amerikanern zwecks Panzerreparatur beschlagnahmte Firma Bamag wird freigegeben. Im Mai ziehen amerikanische Soldaten in die Kaserne am ehemaligen Flugplatz in Kirch-Göns ein.
Die Butzbach-Licher-Eisenbahn beginnt mit dem Omnibusbetrieb.
Die Friedhofskapelle in Nieder-Weisel wird gebaut.
Das erste Butzbacher Hallen-Reit- und Fahrturnier findet statt.

1954

Willi Schild kommt am 4. Januar als letzter Butzbacher Spätheimkehrer aus dem 2. Weltkrieg heim.
Auf Anregung von Dr. Scheller wird am 27. März die Patenschaft über die Stadt Tepl im Sudetenland durch die Stadt Butzbach übernommen. Am 12. September ist „Tag der Heimat" mit Zusammenkunft der Tepler Sudetendeutschen.
Das Haus „Goldener Löwe" wird im Juni von der Vereinsbank gekauft, renoviert und erweitert.
Am 19. Dezember ist die Glockenweihe der katholischen Pfarrkirche. Die Josephskirche und das alte Pfarrhaus werden für 65 000 DM an die Stadt Butzbach verkauft zur Einrichtung einer Friedhofskapelle und Leichenhalle.
Eine neue Schule wird in Maibach gebaut, die seit 1972 nicht mehr benutzt wird.

 

Erinnerungen an den Vollzugsdienst in der

JVA Butzbach in den fünfziger Jahren

                                                                 

„Das Land Hessen suchte in der Nachkriegszeit bewußt einen Bruch mit der Vergangenheit des Dritten Reichs. Man setzte nicht wie anderswo auf die wundersame Wandlung vom Saulus zum Paulus und protegierte nicht blind jeglicher politischen Moral weiterhin die Karrieristen der Hitler-Diktatur...“

Dr. Christine Hohmann-Dennhardt

Hessische Justizministerin

 

Ein Beitrag von Winfried Schunk

Schon als Kleinkind hatte ich Umgang mit Gefangenen. Wir wohnten 1934/35 in einem sog. „Zeppelinhaus“ (aufgrund der halbrunden Dachform) des „Zuchthauses“ Butzbach. Es waren Gebäude für aktive Bedienstete. An diese Zeit, ich war 4 Jahre alt, kann ich mich nur noch sehr schemenhaft erinnern. Sahen wir aus dem Küchenfenster, so war die Westseite der mächtigen und burgähnlichen „Zellenstrafanstalt“ zu sehen: Dieses „Zuchthaus“ war nämlich im „panoptischem“ Stil erstellt und im Jahr 1894 eröffnet worden. Auch 1934/35 guckten Gefangene aus den vergitterten Fenstern und riefen manchmal unverständliche Worte. Mein Vater war zu dieser Zeit bereits durch seine Krankheit behindert. Er brachte für die Gartenarbeit Gefangene mit. Das Anstalts-Anwesen hatte einen Vorgarten, gleich hinter dem Haus einen Hof mit Stallungen für Kleintiere und dahinter noch einen ca. 300 qm großer Gemüsegarten. Auf dem Gartenstück vor der Haustür stand eine Laube, wo man sich im Sommer oft aufhielt. Ich kann mich nur noch an Geflügel erinnern, das wir im Stall hielten und das im Hinterhof seinen sog. Auslauf hatte. Dort stand auch ein prächtiger Kirschbaum direkt vor dem Küchenfenster, der besonders große Kirschen trug, deshalb meine gute Erinnerung an ihn. Während der warmen Jahreszeit, wenn die Sonne dann mittags den Vorgarten erreichte, saßen wir oft vor dem Haus mit Blick zum Wald.

Auch als wir Ende 1935 in unser neues Haus in der Kleeberger Straße 32 (damals 28) zogen, brachte mein Vater auch dorthin Gefangene zur Garten- und Hausarbeit mit: Sie machten dies natürlich gerne, denn ein gutes Essen war ihnen sicher. Diese „Gartenarbeiter“ mußten bei manchen „Beamten-Familien“ im Garten essen (meist Gartenhütte), sie durften prinzipiell nicht mit am Familientisch sitzen.

Trotz neuer Umgebung zog es mich immer wieder zum Spielen auf das Gelände der Strafanstalt; überwiegend in den Graben, der auf der Süd- und Westseite außen um die Anstaltsmauer zog. Hinter den „Zeppelinhäusern“ war er besonders tief und dreckig. Es war stellenweise ein recht mächtiger Graben, der z. B. zum Versteckspiel geradezu einlud. Die Böschung des Grabens war mit Gras bewachsen; dort gab es Veilchen, auch weiße, die besonders begehrt waren. Bis zu meinem 14. Lebensjahr spielte ich auf diesem Gelände überwiegend mit Kindern, deren Väter auch bei der Justiz beschäftigt waren. Die Auffahrt von der Kleeberger Straße her zur Anstalt war in den 50er Jahren noch beidseitig mit Nußbäumen bestanden.

Die Häftlinge der Justizvollzugsanstalt Butzbach trugen während der Nazi-Zeit folgende Kleidungsstücke: Zuchthausgefan­gene rote Streifen an beiden Hosennähten und an einem Ärmel; Gefängnis­gefangene gelbe Streifen und Si­cherheitsverwahrte dunkelgrüne Streifen. Die Streifen hatten eine Breite von ca. 5 cm und fielen deshalb stark auf. Die Grundfarbe der Häftlingskleidung war grau und dunkelgrau. Ebenso die Kopfbedeckung. Die Strafarten waren untergliedert in Zuchthaus, Gefängnis und Sicher­heitsverwahrung.

Bei meinem Eintritt in den Strafvollzugsdienst im Mai 1954 waren noch überwiegend Beamte im Dienst, die nach der Entnazifizierung im Jahr 1946 wieder eingestellt worden sind als „Mitläufer“ oder „Unbelastete“. Viele von ihnen sind deshalb so eingestuft worden von den zuständigen Behörden, weil sie sich von ehemaligen Gefangenen einen sog. „Persilschein“ ausstellen ließen: Die Gefangenen, die so etwas taten, waren zum Teil mit Geld und sonsti­gen Gütern bestochen worden; auch gebettelt wurde um den Freibrief, und ekelhafte Anbiederei fand statt, Hauptsache man bekam von den ehemaligen Insassen des Zuchthauses Butzbach eine „Urkunde“ ausgestellt. Und gelogen wurde dabei sehr viel. Mir sind diese Falschaussagen aus engstem Familienkreis bekannt. Meine Eltern wußten um Deportationen von „politischen“ und „kriminellen“ Gefangenen, die ins Moor nach Norddeutschland geschickt wurden. Bekannt sind die Lager, in denen die Menschen zur Zwangsarbeit herangezogen und umgebracht wurden. Meinem Vater, der Verwaltungsbeamter im Zuchthaus Butzbach war, waren diese Vorgänge bekannt geworden, da der zuständige Amtmann W. Schuld die Selektion von Gefangenen durchführte. Bei diesen Gesprächen wurde auch versteckt von einem sicherem Tod der Deportierten gesprochen. Daß es Vernichtungslager gab, war also auch meinen Eltern bekannt. Ob sie von den Massenvernichtungen in den KZs wußten, darüber bin ich mir nicht im klaren. Ich glaube, wegen der Erhaltung des Arbeitsplatzes ist mein Vater 1940 in die NSDAP eingetreten und war „Förderndes Mitglied“ der SS von 1934 bis 1935: Für einen niedrigen Monatsbeitrag bekam man die schwarze SS-Nadel mit der Siegrune. Die „Fördernden Mitglieder“ sahen in dem Geldbetrag die billige Möglichkeit, sich von allen anderen nationalsozialistischen Organisationen und Zwangsformen zu drücken, gleichwohl aber, und zwar vornehm, „dabei zu sein“, so Eugen Kogon in seinem Buch „Der SS-Staat“. Mein Vater kann eigentlich kein „großer“ Nazi gewesen sein. Immer wieder war von ihm zu hören, „der Hitler wird den Krieg verlieren“. Seine Skepsis gegenüber dem dritten Reich wurde sicher noch dadurch gestärkt, daß er öfters den englichen Sender BBC London am Radiogerät einschaltete, trotz der Gefahr für seine Person, zu lebenslanger Haft oder gar mit der Todesstrafe bedroht zu sein.

Eingeführt wurde ich in den Ablauf des Gefängnisalltags

im Frühjahr 1954 mit einem Laufzettel der Verwaltung worauf stand, welche Dienststellen innerhalb des Ge­fängnisses anzulaufen waren; und es wurden erste Informationen von „Stationsbeamten“ gegeben. 

Schulz hieß der damalige Verwalter, der die „schwere“ Aufgabe hatte, die Bediensteten des Zuchthauses Butzbach zu führen: Schulz war ein nach dem 131er Gesetz wiedereingestellter Beamter der Nazi-Zeit. Er zitierte mich in einen Saal bei der Zentrale im ersten Stock der JVA Butzbach. 

Ich muß in diesem zentral gelegenen Saal gestanden haben wie ein begossener Pudel;  ich war einfach fassungslos, wenn ich mich zurückerinnere, über das, was mir da widerfuhr: Schulz schrie mich mit brutalem Kommandoton an: „Stehen sie stramm, ein für alle mal, nur ich bin in diesem Hause der Herr, ich habe das Sagen hier im Hause, sonst niemand“. Schulz, der im sog. „Lager Rollwald" bei Darmstadt während der Nazizeit hoch zu Roß Gefangene bewacht hatte und nach Aussagen von Lagerinsassen ein gefürchteter Mensch war wegen seines brutalen Verhaltens, das später die Wärter der JVA Butzbach täglich zu spüren bekamen, war 1954 bei meiner Einstellung als Arbeitsaufseher Verwalter des Aufsichtsdienstes: protegiert von dem damaligen Oberstaatsanwalt in Frankfurt und ehemaligem Nazi-Juristen Schweinsberger.

Schulz überwachte primär die Stationsbeamten während ihres Dienstes auf den Gefangenenstationen: Er stand meist auf einer vorspringenden Plattform, die im Zentrum des Zuchthaus-Kreuzbaus auf der dritten Etage über dem sog. Glaskasten - dem Dienstraum des Zentralbeamten - lag. Diese Plattform aus Steinmaterial ist sicher auch heute noch vorhanden und ca. einen Quadratmeter groß. Darauf stand nun der nach meiner Meinung menschenverachtende und mittlerweile zum „Oberverwalter“ ernannte Schulz: Die Absätze seiner Schuhe lösten sich vom Steinboden so hoch es nur ging, dabei stützte er sich auf die Fußspitzen, wippte auf und ab, die Hände ständig auf dem Rücken verschränkt: Seine schweifenden Blicke vom  zentralen Punkt aus erfaßten alle Stationen; in erster Linie fixierten Schulzes Augen natürlich seine Marionetten: die Gefängniswärter. Schulz war arrogant und machtbesessen, grinste fast ständig und brüllte seine angeblichen Mitarbeiter und Gefangene erbärmlich an. Die armen Stationsbeamten konnten einem wirklich leid tun. Sie waren in ihrer Beweglichkeit sehr eingeschränkt; immer mit dem Gedanken im Hinterkopf, etwas falsch zu machen. Unbegreiflich ist heute, daß man einem solchem unqualifizierten Mann für den Strafvollzug in einem demokratischen Staat Menschen anvertraute. Eine schreckliche Justiz noch in den fünfziger Jahren. Bei Schweinsberger hatte Schulz Rückhalt. Schweinsberger wurde nach Bekanntwerden seiner Nazivergangenheit von Fritz Bauer, dem damaligen Generalstaatsanwalt,  aus dem Justizdienst entlassen; wahrscheinlich behielt er aber seine Pensionsansprüche. Und noch eine Ungeheuerlichkeit: Dieser Schulz hat Beamtenanwärter im Seminar in Rockenberg ausgebildet. Das wußte auch der integre Professor Dr. Albert Krebs, der Nazi-Verfolgter war und in den fünfziger und sechziger Jahren die Beamtenanwärter in Gefängniskunde unterrichtete. Krebs wußte sofort Bescheid, als ich mit ihm ein Gespräch hatte während eines Lehrgangs. Es ging um Prügel, um schwere Körperverletzung an einem Gefangenen begangen: Verantwortlich für diese Untat war natürlich Schulz, der vorsätzlich handelte. Ich nannte bei Krebs nicht den Namen des zuständigen Vollzugsdienstleiters, aber er sagte prompt: „das war der Schulz“. All diese abscheulichen Begebenheiten trugen sicher mit dazu bei, daß Schulz frühzeitig in Butzbach seinen Hut nehmen mußte und nach Offenbach versetzt wurde!

Ausbruchversuch 1957/58 in der „Strafanstalt“ Butzbach

Ein junger straffällig gewordener Mann arbeitete als Lehrling in der Malerwerkstatt in einem Hof gleich neben dem Anstalts-Flügel, der damals „A“ genannt wurde; der Hof hieß kleiner Werkhof. Der Werkstattbau war aus roten Ziegelsteinen wohl Anfang des Jahrhunderts erstellt worden. Darin befanden sich in den oben genannten Jahren die Schreinerei im Erdgeschoß. Ganz im Westen des Erdgeschosses dieses Gebäudes befand sich von 1921 bis 1937 eine Hinrichtungsstätte: Es wurden dort 11 Menschen geköpft. Im ersten Stock waren eine Bastweberei und die Malerwerkstatt eingerichtet, in der die gesamte „Baukolonne“ der Anstalt ihren Treffpunkt vor Arbeitsbeginn hatte und auch ihre Werkzeuge unterstellte.

Der junge Malerlehrling hatte nun die Absicht, bei einer günstigen Gelegenheit aus der Anstalt zu verschwinden. Dies konnte er nur von dort aus versuchen, weil er noch keine „Mitnahmekarte zur Arbeit außerhalb des Gefängnisses“ besaß; solch eine Karte wurde nur bewilligt, wenn der Gefangene aufgrund seines Verhaltens während des Vollzugs, der Strafdauer und seiner Charaktereigenschaften für dieses Privileg als tauglich betrachtet wurde. Um fünf Uhr Nachmittags war allgemeiner Arbeitsschluß. Die Gefangenen wurden geschlossen aus den Werkstätten geführt und an der Zentrale im Gefängnisbau abgeliefert, zum Einschluß in die Zellen. Da die anderen Maler der Baukolonne damals in den sog. Beamtenhäusern arbeiteten, mußte der junge Maler in der Werkstatt  abgeholt werden. Aber er war nicht mehr da! Da die Werkstatttüren am Tage aufstanden, war es möglich, daß schon einmal ein Insasse von einer Werkstatt zu anderen ging. Weil dies doch öfters passierte, war man der Meinung gewesen, der Maler sei z.B. mit den Schreinern schon ins Hauptgebäude gegangen: was sich aber bald als Trugschluß herausstellen sollte. Der junge Maler hatte sich nämlich in einem kleinen Abstellraum  neben der Malerwerkstatt zwischen alten Schränken und sonstigem Unrat gut versteckt, wie sich später herausstellte. Nun, der Gefangene war beim Einschluß und der Schlußzählung nicht auf seiner Zelle anwesend. Das löste natürlich auf der Zentrale sofort Alarm aus. Sämtliche Beamte vom Spät- bzw. Zwischendienst trafen sich umgehend an der Zentrale, wo bereits durch den „Oberverwalter“ Schulz Suchpläne ausgearbeitet wurden. Auch die dienstfreien Beamten wurden durch Alarmsignal in die Anstalt zitiert. Ungefähr 30 Bedienstete des Gefängnisses - ein Wärter mit Schäferhund - zogen nun von der Zentrale in gemütlichen Schritten zur Malerwerkstatt, weil man erst einmal annahm, daß der Gesuchte sich dort noch aufhalten würde, was sich ja auch dann als richtig herausstellte. Vorneweg ging natürlich der Schulz, stolz und mit gehobenem Kopf, ihm folgend der Wärter mit dem Schäferhund, der auf dem Weg zur Malerwerkstatt schon irgendwie scharf gemacht wurde.

Die Sucherei ging nun los, wobei der Schäferhund immer als erster schnüffelte. Es dauerte nicht lange und der Hund hatte die menschliche Fährte erschnüffelt. Nun rasten die „Unmenschen“ los und stürzten sich mindestens zehn Mann stark auf das bedauernswerte menschliche Wesen: Dieser junge Maler wurde nun an Ort und Stelle dermaßen mit Fußtritten und Fausthieben traktiert, daß er kurz darauf regungslos auf dem Fußboden lag. Nicht genug, die Schergen zerrten ihn aus dem Raum und stießen ihn zur Werkstatttreppe hin. Auf beiden Seiten der Treppe standen „Beamte“ und schlugen während des Fallens des schon fast halb totgeschlagenen Menschen brutal weiter auf ihn ein mit Boxhieben und Fußtritten. Diese Täter haben sich der schweren Körperverletzung schuldig gemacht. Die vorsätzliche und brutale Schlägerei ging noch weiter beim überqueren des Hofs bis zur Kleidungskammer. Dort mußte sich der Schwerverletzte vor den Schlägertypen, die sich Strafvollzugsbeamten nannten, vollkommen ausziehen, was ihm natürlich nur sehr schwer gelang. Ein Wunder überhaupt, daß dieser Mensch diese Tortur überlebte. Ausdrücklich betont werden muß, daß der Gefangene nie versucht hat, sich zu wehren. Es war aus der Nazi-Zeit überliefert, daß wenn ein Insasse in den sog. „Bunker“ kam, er sich vorher vollkommen entkleiden mußte, damit nicht irgenwelche Gegenstände in die Absonderungszelle gelangten.

Dies alles geschah unter der Aufsicht des „Oberverwalters“ Schulz, der sich damit der schweren Körperverletzung im Amt schuldig gemacht hatte. Und was tat der Anstaltsarzt? Die Meldung, daß ein Gefangener abgesondert wurde, bekam er ja sicher auf den Tisch, oder? Er war nach dem Gesetz verpflichtet, den Abgesonderten ärztlich zu untersuchen: Wenn er dies wirklich damals getan hat, hat er den blutigen und von Prellungen gezeichneten Körper des Gefangenen gesehen. In diesem Fall wäre es seine Pflicht gewesen, eine Strafanzeige zu erwirken wegen schwerer Körperverletzung im Amt gegen Schulz und seine Schlägertruppe. Dies ist aber meines Wissens nie geschehen: Der Anstaltsarzt hätte sich dann mitschuldig gemacht.

Schwere Körperverletzung in der JVA Butzbach 1966

Maximilian Schreiner hieß der Gefangene, der sich damals des öfteren durch laute Rufe in seiner Zelle Aufmerksamkeit erwarb. Er saß wegen Diebstahlsdelikten schon mehrmals in Gefängnissen ein.

Schreiner ging mit seinen lauten Äußerungen so manchem Aufsichtsbeamten auf die Nerven, obwohl dies nur relativ selten vorkam. Dies bewirkte aber doch, dass eines Abends nach Einschluss der Gefangenen als es wieder zu lauten Äußerungen in seiner Zelle kam, die aber keine Beleidigungen den Beamten gegenüber waren, der Aufsichtsdienstleiter mehrere Beamte zu sich rief, die dann gemeinsam Schreiner mit Gewalt in eine sogenannte Beruhigungszelle brachten.

Angeblich soll sich Schreiner während des Abführens in die Beruhigungszelle auf dem Flur der JVA gewehrt haben; er wurde deshalb von mehreren Beamten während des Abführens an Armen und Beinen festgehalten. In der sog. Beruhigungszelle muss dann Schreiner mit dem Gummiknüppel derart geschlagen worden sein, dass sogar Blut an die Wand gelangte. Es müssen mehrere Beamte auf Schreiner eingeschlagen haben. Der Hauptschläger soll der Aufsichtsdienstleiter H. K. gewesen sein. Diese Schilderung der Schlagorgie wurde mir von einem Kollegen, der Augenzeuge war, zugetragen.

1966 erschienen im Spiegel mehrere Beiträge über Misshandlungen in deutschen Strafanstalten. Diese Taten gaben mir aus humanitären Gründen die Gewissheit, dass der Vorfall in der JVA Butzbach vor Gericht untersucht werden müsse.

Ich entschloss mich daraufhin, mit einem persönlichen Brief an den damaligen Generalstaatsanwalt in Frankfurt, Fritz Bauer, das Geschehen in der Beruhigungszelle zu schildern, genauso wie es mir der Kollege mitgeteilt hatte. Den Brief sandte ich nicht auf dem Dienstweg nach Frankfurt, wie es eigentlich nach den Vorschriften hätte geschehen müssen, worüber die Anstaltsleitung natürlich empört sein musste. Nach wenigen Tagen wurde die Anstaltsleitung von Fritz Bauer benachrichtigt, dass eine staatsanwaltliche Vernehmung des Kollegen und mir anberaumt sei. Oberstaatsanwalt Heiß aus Lich führte als Bauers Vertrauensmann die Vernehmung. Ich bestätigte das, was ich auch persönlich Bauer mitgeteilt hatte. Die Aussagen des Kollegen sind mir nicht bekannt. Folgendes machte gleich nach unserer Vernehmung in der JVA Butzbach die Runde: „Der erwähnte Kollege hat alles zurückgewiesen: Schunk sei der große Lügner, der für den Strafvollzug unfähig sei". Der damalige Anstaltsleiter soll dem Kollegen mit dessen Entlassung aus dem Vollzugsdienst gedroht haben, sollte dieser bei seinen Schilderungen der Vorkommnisse in der Beruhigungszelle bleiben. Der Aufsichtsdienstleiter H. K. muss beim Anstaltsleiter unter Tränen gebettelt haben, ihm doch zu helfen seine Existenz wäre gefährdet. Am Tag der Vernehmung war natürlich „dicke Luft" im ganzen Haus: In der Verwaltung liefen viele Vollzugsbedienstete aufgeregt umher: Wie wird es ausgehen?

Fritz Bauer hat ein Verfahren gegen die Täter und den Anstaltsarzt wegen schwerer Körperverletzung im Amt eingeleitet, das vor dem Amtsgericht Butzbach verhandelt wurde. Es kam so, wie gewöhnlich solche Verhandlungen ausgehen: Die Täter wurden aus Mangel an Beweisen freigesprochen.

Ich fuhr nach meiner Vernehmung nach Lich zu Oberstaatsanwalt Heiß und bat ihn um Rat bezüglich meiner Zukunft in Butzbach. Dass ich nun keinen guten Stand mehr dort haben würde, war sicher; Heiß war der selben Meinung. Mein Wunsch war, an die Jugendstrafanstalt Wiesbaden versetzt zu werden. Heiß riet mir, ein entsprechendes Gesuch einzureichen, was ich auch sofort tat. Allerdings nicht auf dem vorgeschriebenen Dienstweg - die JVA Butzbach hätte dies verhindert, zumindest versucht. Meine Versetzung nach Wiesbaden auf eigenen Wunsch wurde von der Anstaltsleitung mit großer Empörung entgegengenommen: Wie kann es sein, dass die Richtlinien des hessischen Strafvollzuggesetzes eine solche Eigenmächtigkeit zulassen?

Mit großem Dank an Fritz Bauer, der in das Buch „50 deutsche Vorbilder, Menschen, die uns heute fehlen" aufgenommen wurde (erschienen im Fischer Taschenbuch Verlag und Zeitverlag), konnte ich in Wiesbaden Dienst tun.

K. hat sich wenige Jahre später aufgrund der Ermordung des Anstaltsleiters Künkeler in der Waffenkammer mit einer Dienstpistole erschossen. Er fühlte sich wohl schuldig, als Aufsichtsdienstleiter im Zusammenhang mit der Ermordung Künkelers versagt zu haben.

1965 bildete sich eine kleine Gruppe von meist neu eingestellten Aufsehern, die einen „humanen“ und „erzieherischen“ (1) Strafvollzug wollten: Geprägt wurden diese Leute von Generalstaatsanwalt Fritz Bauer und Albert Krebs, die diese genannten „Qualitäten“ im Strafvollzug vehement anstrebten. Sie verstanden darunter in erster Linie den persönlichen Umgang mit den Menschen im Gefängnis: Z.B. Gespräche über ihre Nöte führen, die innerhalb und auch außerhalb der Anstalt entstehen. Für diese Betreuung waren damals für ca. 600 Gefangene gerade mal drei „Fürsorger“, ein Lehrer, ein Pfarrer und ein Psychologe im Dienst.

Fritz Bauer besuchte Anfang der 60er Jahre in unregelmäßigen Abständen die Justizvollzugsanstalt in Butzbach. Ich kann mich an seine Besuche gut erinnern. Fritz Bauer wurde von den alten Beamten, die 1945 aufgrund der mißlungenen Entnazifizierung wieder eingestellt werden mußten, streng gemieden. Wurde in der Verwaltung bekannt, daß Fritz Bauer die Außenpforte passiert hatte, so verschwanden zuerst die ehemaligen Nazibeamten ei­ligst in ihre Dienstzimmer, nicht etwa aus Angst, sondern sie lehnten Fritz Bauers „Humanduselei“, wie sie sich ausdrückten, kategorisch ab. Fritz Bauer wurde von vielen Beamten regelrecht gehaßt. Auch junge Beamte lehnten diesen hervorragenden Generalstaatsanwalt ab. Seine Auffassung vom Strafvollzug bedeutete menschlichen Umgang mit den Insassen. Und dies setzte harte Arbeit voraus, wozu nur wenige damals bereit waren. Selbst führende Köpfe des Verwaltungsapparates in den 60er Jahren lehnten seine Einstellung zur Erziehung von Menschen in den "Verwahrungsanstalten" entschieden ab.

Es saßen nach 1945 in Frankfurt und Wiesbaden naziverfolgte Männer am Schalthebel der Macht, aber im Gefängnis Butzbach übten die alten Nazi-Wärter weiterhin ihre Macht auf straffällig gewordene Menschen aus.

Viele Bedienstete in Uniform waren zumindest noch in den 60er Jahren unfähig, einen vernünftigen Umgang mit den Menschen in der Anstalt zu pflegen. Nur in ganz geringem Maße wurde versucht, erzieherisch auf die straffällig Gewordenen einzuwirken. Daß diese wenigen Leute kaum eine Chance hatten, ihre Vorstellungen durchzusetzen, darf nicht wundern: denn viele jüngere Beamte, die 1955 und später in den Strafvollzug kamen, nahmen das alte, verkrustete und menschenunwürdige Verhalten von den Aufsehern, die schon während des dritten Reichs Gefangene bewachten, willig an. Was lernten eigentlich die Neulinge bei den alten Aufsehern? So gut wie gar nichts.- Etwas lernten sie ganz bestimmt: Wie man Gefangene provoziert, schlägt und absondert.

Die Erziehungsmaßnahmen sahen damals wie folgt aus:

Die Gegenstände der Gefangenen in der Zelle mußten immer akkurat angeordnet sein: z.B. Bettzeug ohne Falten, und vor allen Dingen mußte der Fußboden auf Hochglanz gebracht werden. Das war aber auch schon alles. Unter den Beamten fand ein regelrechter Wettbewerb statt, wer die schönste und sauberste Station vorzuweisen hatte. War der Beamte in der Lage, diese sekundären „Erziehungsmaßnahmen“ bei den Gefangenen durchzusetzen, bekam er vom „Oberverwalter“ die Note „vorbildlicher Beamter“, der für die Erziehung von Strafgefangenen bestens geeignet sei.

Es wurde grundsätzlich nicht geduldet, menschlichen Umgang mit den Insassen zu pflegen. Schon wenn Beamte dies nur versuchten, mußten sie mit einer Rüge rechnen. Es ist beschämend, daß viele Bedienstete nur sehr poltrig mit den Gefangenen umgingen. Viele waren trotz Fachlehrgängen einfach überfordert, einen menschlichen Umgang zu pflegen. Selbst „Oberbeamte“ waren recht faul, wenn sie von Gefangenen darum gebeten wurden, sich bei ihnen einmal aussprechen zu wollen, mittels eines Antrages. Dieser wurde meist erst einmal längere Zeit unbeantwortet gelassen. Wurde der Gefangene daraufhin rebellisch, was ja auch verständlich war, wurde mit Disziplinarstrafen gedroht. Aufgrund dieser Mißstände wurden natürlich manche Insassen aggressiv. Dann kam der gefangene Rebell einfach in vielen Fällen in die Absonderung; wobei es auf dem Weg dorthin oft auch Schläge mit dem Gummiknüppel gab. Wehrte sich der Gefangene, dann wurde noch stärker geknüppelt.

Nazimörder in der JVA Butzbach

1954 saßen noch folgende Nazimörder in Butzbach mit einer lebenslänglichen Strafe ein:

Arnold Strippel (SS-Rapportführer), er war im KZ Buchenwald:... Der Angeklagte Strippel war 1934 aus „Interesse für das Berufssoldatentum“ in die SS gegangen. Dies wirkte sich 1981 als Milderungsgrund für die Teilnahme an der Ermordung von 41 KZ-Häftlingen im Juli 1942 aus.

Josef Hirtreiter (...Bei einem Besuch Himmlers, hieß es im Urteil gegen den Gasmeister von Sobibor im Mai 1950, „führte ihm der Angeklagte, angetan mit Stahlhelm und Brustschild, die Vergasungen von 200-300 besonders hübschen jungen Jüdinnen vor.“ Dem Gasmeister Hirtreiter wurden Hunderttausende von Morden zur Last gelegt. Doch fiel es keinem Berliner Staatsanwalt ein nachzuforschen, wer sonst noch daran beteiligt gewesen sein könnte. Nicht anders in Frankfurt, wo Josef  Hirtreiter, ein aus dem Hadamar-Verfahren entlassener Pfleger, seine Weiterverwendung in Treblinka ausplauderte.

Prof. Gorgaß (Hadamar, Euthanasie. „Die Ärzte Gorgaß und Wahlmann aber waren die alleinigen Mörder in mindestens 1900 Fällen“).

Gomerski:... sowie dem 36jährigen Eisendreher Gomerski, der eine „rein handwerkliche Tätigkeit“ ausführte, nämlich das Anheizen des Koksofens, in dem die Leichen verbrannt wurden, hat das Landgericht mangels „Nachweises eines strafbaren Vorsatzes freigesprochen“, in diesem Fall natürlich. 

Prof. Heyde: „Ein Chef der Euthanasie, der Professor Heyde, war unlängst von einem spärlich gehüteten Inkognito als Dr. Sawade in Flensburg befreit worden. Dort fertigte er, von Eingeweihten in der schleswig-holsteinischen Landesregierung protegiert, Gutachten für das Landesversicherungsamt an. Heyde Sawade verwies die Justiz höhnisch auf die Justiz. Sämtliche Oberlandesgerichtspräsidenten  und Generalstaatsanwälte hätten im Reichsjustizministerium das Ausmerzungsprogramm rechtlich abgesichert. Diese ca. dreißig Komplizen verzehrten zufrieden Pension. Am 14. Juni 1961 bot der Deutsche Bundestag allen Richtern, die sich durch ihre Justizmorde belastet fühlten, den Eintritt in den vorzeitigen Ruhestand bei vollen Bezügen an“.

Rapportführer Arnold Strippel hatte während seiner Inhaftierung einen Vertrauensposten im Lazarett der JVA Butzbach: Er war sozusagen ein Mann fürs Grobe und Feine. Ständig schlich dieser Mörder um die Lazarettbeamten herum. Natürlich in erster Linie um die alten Beamten, die Verständnis aufbrachten für seine Taten während der NS-Zeit. Wurde im Lazarett geknüppelt, war auch Strippel dabei, um den Beamten bei Gefahr beispringen zu können. Strippel hatte seine Zelle im Lazarett, die tagsüber offen war, aufgrund seines Vorzugspostens in der JVA Butzbach.

Gestapobeamter Heinrich Baab aus Frankfurt/Main lag während meiner Dienstzeit in der JVA Butzbach im Lazarett. Was er nun eigentlich für eine Krankheit hatte, ist mir immer schleierhaft geblieben. Baab bestätigte in seinem Prozess nach 1945: daß jüdische Bürger oft in den Kellern der Großmarkthalle gefangengehalten wurden, „bis zu ihrem Abtransport in Güter- und Viehwagen. Arbeiter und Angestellte der Großmarkthalle, die versuchten, den gefangenen Menschen wenigstens etwas Wasser zu bringen, wurden daran vom Bewachungspersonal brutal gehindert. Über die Gleisanlagen der Großmarkthalle wurden zwischen dem 19.10.1941 und dem 8.1.1944 fast zehntausend Menschen in die Vernichtungslager deportiert. Ein großer Teil von ihnen wurde nach Auschwitz gebracht. Für die Gaskammern in Auschwitz lieferte die Frankfurter Firma DEGESCH, eine Tochtergesellschaft der Degussa, das Giftgas Zyclon B. Daß von der Großmarkthalle montags Transporte abgingen, war in der Bevölkerung bekannt. Daß es eine Reise in den Tod sein sollte, daraus machten die zuständigen Gespapo-Beamten gegenüber ihren Opfern keinen Hehl“, so Baab in seinem Prozeß. Besuche mußten nach dem Strafvollzugsgesetz überwacht werden. Baab hatte in dieser Hinsicht Narrenfreiheit. Kein Beamter war anwesend während der Besuchszeit. So wurde es mit den meisten NS-Verbrechern in der JVA Butzbach gehalten. Die kleinen „Eierdiebe“ hat man streng bewacht, die Mörder und Gewaltverbrecher der Nazi-Zeit hatten Privilegien. Gorgaß, der Euthanasie-Professor und Massenmörder von Hadamar, arbeitete in der Anstaltsbibliothek und fertigte Schriftstücke für die Bediensteten der Verwaltung an. Er war sozusagen „Schreiber“ dieser Institution. Gorgaß war stolz, daß er den Namen Strippel im Namensregister in Eugen Kogons Buch „Der SS-Staat“ mit schwarzer Farbe tilgen durfte. Das Buch wurde auch an Gefangene ausgegeben. Um eine Auseinandersetzung zwischen Strippel und anderen Gefangenen zu vermeiden, hat die Anstaltsführung diese Zensur angeblich vorgenommen. Gomerski arbeitete in der Schlosserei der JVA Butzbach. Durch seine Zuverlässigkeit wurde er gerne von Beamten für besondere Arbeiten eingesetzt. Viele duzten ihn.

Strafbare Handlungen angezeigt

Ich habe während meiner 30jährigen Dienstzeit in der JVA Butzbach mehrmals strafbare Handlungen (Schlägereien) bei der Anstaltsleitung und beim Generalstaatsanwalt in Frankfurt/Main angezeigt. Meine Meldungen wurden auch zur Kenntnis genommen, aber es fanden sich immer Zeugen, die die Unwahrheit sagten: So z.B. 1965 nach meiner Anzeige beim Generalstaatsanwalt Fritz Bauer wegen Körperverletzung im Amt.

Trotz Aktenlage, aus der eindeutig hervorging, daß ein Gefangener in die Absonderung gebracht wurde wegen angeblichen Widerstands gegen einen Beamten, wurde die gewaltsame Abführung in den Keller und anschließende schwere Körperverletzung an dem Gefangenen von dabeigewesenen Beamten vor Gericht geleugnet. Ein Beamter, der bei dieser Maßnahme gegenwärtig war, hat später bestätigt, daß der Gefangene so stark mit dem Gummiknüppel geschlagen wurde, daß sein Blut an die Wand spritzte. Dieser Zeuge wurde höchstwahrscheinlich vom damaligen Anstaltsleiter zur Falschaussage gezwungen, indem man ihm mit der sofortigen Entlassung aus dem Vollzugsdienst drohte, sollte er bei der Wahrheit bleiben. Die gerichtliche Untersuchung verlief nun für die JVA Butzbach positiv. Von dem Makel, schwere Körperverletzung im Amt begangen zu haben, wurden die Verantwortlichen freigesprochen. Dies nahm der damalige Personal-Chef zum Anlaß, mir eine sog.  „schriftliche Mißbilligung“ auszusprechen. Unter anderem wurde vermerkt, „...ist deshalb für den Dienst im Strafvollzug äußerst ungeeignet“.

 

Anmerkung:

 

(1) M. Busch, Zum  Problem des Erziehungsbeamten im Stafvollzug, in: Strafvollzug in Hessen, Eine Festgabe für Herrn Min.Rat Prof. Dr. Albert Krebs zum 40jährigen Dienstjubiläum, 1960, S. 188ff.

(dort weiterführende und umfangreiche Bibliographie).

 

Literatur:

 

Hundert Jahre Strafvollzug in Butzbach, 1894 - 1994, Butzbach 1994

J.    Friedrich, Die kalte Amnestie, Täter in der Bundesrepublik, Frankfurt/Main, 1985

 

 1955

Am 12. Mai wird der Geschichtsverein für Butzbach und Umgebung im „Deutschen Haus" wiedergegründet.
Vom 25. bis 27. Juni findet in Butzbach der Hessische Bauerntag statt.
Der Nordchor der Markuskirche wird am 16. Oktober als Gedenkhalle mit Gedenktafeln für die Gefallenen von 1914/18 und einem Ehrenschrein für die Gefallenen von 1939/45 eingeweiht.
Zum 1. April geht die Schulträgerschaft der Berufschule von der Stadt auf den Landkreis Friedberg über.
Der Schützenverein Pohl-Göns wird gegründet.

1956

Das Dorfgemeinschaftshaus in Bodenrod wird gebaut.
Der Personenverkehr der Butzbach-Licher-Eisenbahn auf dem Streckenabschnitt Butzbach - Ober-Kleen wird eingestellt.

1958

Die schwedische Firma Fläkt (Lufttechnik) eröffnet in Butzbach ihre deutsche Zentrale.
Die Oes erhält eine erste Stromzuleitung von Espa her.

1959

Einweihung der Schrenzerschule am 1. April.
Der Erweiterungsbau des Rathauses wird am 20. August seiner Bestimmung übergeben. Dabei werden mindestens zwei mittelalterliche Fachwerkhäuser in Ständerbauweise abgerissen.
Zwei Tennisplätze werden am Zipfen geschaffen. Maibach bekommt bereits ein Schwimmbad.
Am Volkstrauertag (15. 11.) ist die Einweihung des Ehrenmals auf dem Friedhof.
Die Flurbereinigung in Griedel wird eingeleitet.

1960

Die Schuhfabrik Joutz wird vom Konzern Freudenberg übernommen.
Ein Heim der Pfadfindergruppe „Dietrich von Bern" wird im Hexenturm eingerichtet.
Am 1. April ist Richtfest im „Haus der Hoffnung" am Lachenweg.
Am 10. Juli ist die Eröffnung des neuen Schrenzerbades.
Die Gedenktafel zur Erinnerung an die Gründung des Deutschen Sängerbundes vor 100 Jahren im Haus „Goldener Löwe" wird am 30. September enthüllt.
Die Schäferei in Griedel wird aufgelöst. Damit können sich die Zwetschgenhecken, die seither den Charakter des Wingertbergs bestimmten, ausdehnen.

1961

Seit dem Frühjahr wird die Bahnstrecke Butzbach - Lich durch Omnibusse befahren.
Im Juli wird Bürgermeister Dr. Scheller nach fast 15jähriger Amtszeit pensioniert. Der neue Bürgermeister, Regierungsrat Gogalla, aus Berlin wird feierlich eingeführt.
Am 26. August ist die Einweihung der neuen Kreisberufsschule Friedberg-Nord (2,2 Mill. DM, Träger: Landkreis Friedberg).
Die „Alte Apotheke" wird modern umgebaut umd am 1. Oktober eröffnet.
Die Michaeliskapelle wird restauriert.
Baubeginn der neuen B-3-Unterführung nach Gießen . Bauzeit 2 Jahre.
Die Butzbacher Wasserleitung wird an das Wasserwerk Inheiden angeschlossen. Damit endet die Wasserknappheit bei Trockenperioden.
Das Warnamt VI in Bodenrod wird bezogen.
Nach dreimaliger Teilnahme an dem Wettbewerb „Unser Dorf soll schöner werden", wird Maibach Sieger.
Die Baumschule Nicolin wird gegründet.

1962

Anläßlich des 100jährigen Jubiläums des Taunusklubs Butzbach findet der deutsche Wandertag in Butzbach statt.
Am 2. September wird eine Gedenktafel auf dem Friedhof zum Gedenken an die gefallenen Opfer der Vertreibung von Stadt und Land Tepl enthüllt.
Die Wohnhäuser von A.W.Heil und S.Eimbrodt neben der ehemaligen katholischen Kirche werden abgebrochen; dort entsteht der „Verkehrsknotenpunkt C" in der Griedeler Straße. Weitere Häuser fallen den Verkehrsplanern ebenfalls zum Opfer.
Die Ziegelei und Kalkbrennerei in Ebersgöns stellt nach etwa 600 Jahren ihren Betrieb ein.
Der Maibacher Kegelclub „ KC Gut Holz" wird gegründet.

1963

Am 14. Mai ist die Übergabe der Butzbacher Umgehungsstraße (B 3) nach Gießen. Der Bahnübergang Kleeberger Straße wird am 15. Mai geschlossen.
Das Dorfgemeinschaftshaus in Ebersgöns wird gebaut.
Die Gemeinschaftsobstanlage des Obst- und Gartenbauvereins in Griedel wird gegründet. Hier soll der überalterte Obstbaumbestand in der Gemeinde durch junge Bäume ergänzt werden.
In der Ostheimer Gewann Bornhofen wird mit der Kiesförderung begonnen, die jedoch bereits 1966 wieder einstellt wird.

1964

Am 30. März wird mit den Reparaturarbeiten an der Markuskirche begonnen. Die Fundamente der Südmauer werden auf 2 Meter Tiefe freigelegt.
In der Wendelinskapelle wird die neue Orgel mit 270 Pfeifen eingeweiht (erbaut von Förster & Nicolaus, Lich; die alte Orgel war von Joh. Gg. Förster, Lich, 1860 erbaut worden). Das neue Postamt wird eingeweiht. Der katholische Kindergarten St. Martin wird eröffnet. Die Fußgänger-Unterführung Kleeberger Straße wird am 2. Oktober freigegeben; der „Eiserne Steg": die erste Überführung an der Kleeberger Straße über die Main-Weser-Bahn hatte ausgedient.
Die Ruinen der Synagoge in Griedel werden beseitigt und ein Feuerwehrgerätehaus an derselben Stelle errichtet; (die Synagoge wurde in der Nacht des Pogroms gegen die Juden 1938 durch die SA in Brand gesetzt.)

1964/65

Bau der evangelischen Kirche in Bodenrod.
Das Bürgerhaus in Griedel wird gebaut.
Bei dem Einbau der Warmluftheizung in der Markuskirche kommen Grundmauern und die Apsis einer romanischen Kirche sowie Keramik des 4. und 5. Jahrhunderts ans Tageslicht. 

1965

Das Kleinkastell „Degerfeld" wird ausgegraben.

1966

Am 15. August wird eine Schwesternstation unter der Leitung von Diakonissin Frieda Pomorin aus Ostpreußen eingerichtet.

1967

Karl Heinz Hofmann wird zum Bürgermeister gewählt. Im September wird die Degerfeldschule eingeweiht.
Die Oes bekommt ihren ersten öffentlich ausgewiesenen Weg. Am 24. Juli beschließen die Gemeindevertretung von Hausen und die Gemeindeversammlung von Oes einen Zusammenschluß beider Gemeinden. Das Neubaugebiet „Kirch-Weg" und „Im Stiegelfeld" in Hausen werden ausgelegt.

1968

Grundsteinlegung zum Bau des Bürgerhauses Butzbach: Bauzeit: 2 Jahre. Einweihung der Sporthalle in der August-Storch-Straße.
Der letzte Griedeler Dorfschäfer, Wilhelm Pfeifer (+4.1.1980), stellt seinen Betrieb ein.
Die ältere Glocke von der Kirchenruine Marienzell kommt nach Bodenrod.
Nach einer Untersuchung der Universität Gießen gibt es nicht weniger als 412 verschiedene Schmetterlingsarten in Griedel.

1969

Die Schienenstrecke zwischen Pohl-Göns und Ober-Kleen wird stillgelegt.
Erste Schritte durch Ortsvereine zur Dorferneuerung in Griedel werden getan.

1970

Das Bürgerhaus in Butzbach wird gebaut.
Am 31. Dezember erfolgt die freiwillige Eingliederung der Gemeinden Hoch-Weisel, Nieder-Weisel, Ostheim und Pohl-Göns zur Stadt Butzbach.

1971

Im September wird der Neubau des Bahnhofs in Betrieb genommen.
Am 14. November, dem Volkstrauertag, wird ein Ehren- und Mahnmal für die Opfer der beiden Weltkriege in Hausen enthüllt.
Die Gemeinden Fauerbach, Münster und Wiesental bilden zusammen die Region Philippseck.

1972

Einweihung des Weidig-Gymnasiums am Zipfenwald in Butzbach.
Am 1. Februar kommen freiwillig die Gemeinden von Bodenrod, Fauerbach v.d.H., Münster mit Wiesental zu Butzbach. Eine gesetzliche Eingliederung der Gemeinden Griedel, Hausen-Oes, Kirch-Göns und Maibach zur Stadt Butzbach erfolgt am 1. August.
Die Bauarbeiten für die Unterführung in der Kleeberger Straße werden begonnen. Im Volksmund wird sie „Hofmanns-Tal" genannt, nach dem damaligen Bürgermeister K.-H Hofmann.
Die Firma Samesreuther wird mit der Schweizer Firma LUWA (chemischer Apparatenbau) vereinigt.

1974

Das Hallenbad wird am 17. Oktober eingeweiht.
Die Kleeberger Straßenunterführung wird am 2. Oktober eingeweiht. Renovierung des im Jahr 1560 errichteten Rathauses und des Ziffernblattes der Rathausuhr aus dem Jahr 1630.

1975

Am 1. Januar erfolgt die Übernahme der Kassengeschäfte der Gemeinde Ebersgöns durch die Butzbacher Stadtkasse. Die Einwohnerzahl der Kernstadt Butzbach beträgt 9 634. Hinzu kommen die eingemeindeten Stadtteile einschließlich Ebersgöns, so daß die Gesamteinwohnerzahl von Butzbach 21 636 überschreitet. Die Gesamtfläche beträgt über 100 qkm, davon etwa 40% Waldfläche. In der letzten Woche des Monats August wird die 12OO-Jahrfeier zur ersten urkundlichen Erwähnung von 773 begangen.
Die Strecke Butzbach-Ost - Bad Nauheim wird von der Butzbach-Licher-Eisenbahn eingestellt.
Die Bundesschule der Johanniter-Unfall-Hilfe wird im ehemaligen Krankenhaus der Johanniter in Nieder-Weisel eingerichtet.

1977

Gesetzliche Eingliederung von Ebersgöns in die Stadt Butzbach mit Wirkung vom 1.Januar.
Außer in der Landwirtschaft sind 6677 Arbeitnehmer in 910 Butzbacher Betrieben beschäftigt.
Ende September wird mit einer Notgrabung der Archäologischen Denkmalpflege in Wiesbaden im römischen Kastell „Hunnenburg" in Butzbach begonnen; sie endet im Januar 1981. Die Grabungsleitung hatte H. Lischewski, Hungen.

1978

Das Sozialzentrum mit Altenheim und die Markt- und Reithalle werden gebaut.
Der Anschluß an die Ruhrgasleitung in Butzbach wird erreicht.
Im Frühjahr findet eine Nachgrabung an dem römischen Steinturm auf dem Schrenzer statt. Danach wird das Mauerwerk ergänzt und sichtbar gemacht.

1979

Die ehemalige Schule in Ostheim wird erweitert und zum Dorfgemeinschaftshaus umgebaut.

1980

Nieder-Weisel wird in das Dorferneuerungsprogramm aufgenommen.

1982

Butzbach und seine Stadtteile haben 62 Industrie-, 60 Großhandels-, 262 Einzelhandels- und 40 Verkehrsbetriebe, daneben auch 67 Gaststätten. Die wichtigsten Betriebe nach den Beschäftigungszahlen sind: Fläkt, Luwa-SMS, Tröster, Faun, Butzbacher Weichenbau, Davy Bamag, Lochblech- und Stanzwerk, Stahl-Vogel, Butzbacher Schleifmittelwerke, Gebr. Sulzer, Druckerei Lembeck und die Kellerei Müller.

1983

Das Naturschutzgebiet „Klosterwiesen von Rockenberg und Griedel" entsteht durch eine Verordnung vom 22. Juli.
Der Sportplatz in Ostheim wird eingeweiht.

1985

Am 15. Januar wird eine Verordnung über ein zukünftiges Landschaftsschutzgebiet „Auenverbund Wetterau" erlassen. Damit sollen Flora geschützt und Rast- und Überwinterungsplätze für Vögel sichergestellt werden.
Der Tennis-Club Nieder-Weisel wird gegründet.
Butzbacher Zeitzeugen erinnern sich. Die Aussagen wurden gemacht von Butzbacher Bürgern bei einem Interview des Hess. Rundfunks 1985:

„Butzbach, das war ein kleines
, braves, braunes Nest" – 

...das hört sich harmlos und...die haben alle brav, ich sag ihnen ja, die haben bis zuletzt, ich seh die eine Dame noch, wie die noch so macht (Hitler-Gruß, d.V.). Ich guckte die noch groß an und ich denke noch: Heute geht die noch so, also noch zwei, drei Tage. Das war erstaunlich...“ Gelacht haben sie (gemeint ist der Zeitzeuge), wenn sie gehört haben, dass Butzbacher von der Spruchkammer frei gesprochen wurden, weil sie entsprechende „Persilscheine“ vorweisen konnten. Zeitzeuge: „Das war eine lächerliche Komödie, das war für die Katz“. Frage: Butzbach war ein braunes Nest? Zeitzeuge: „Ja doch, das waren doch die meisten, auch die Dörfer, das war doch so allgemein...Die meisten Butzbacher Geschäftsleute waren doch in der Partei während der Nazi-Zeit. 
Der ehemaliger Ortsgruppenleiter, zuletzt Stadtrat bei der Stadt Butzbach,äußert sich vor dem beinamputierten Karl Schunk aus Butzbach mehrmals so: "Deutschland braucht keine kranke und gebrechliche Menschen": Diese Aussage eines Erz-Naziführers bezog Schunk (Pg seit 1940) natürlich mit recht auch auf sich (aus Spruchkammerakte Abt.: 520 Fri 7929).
Zu der Pogromnacht vom 9. zum 10. November 1938:
„Um halb zwei tönt die Feuerwehrsirene, mein Mann springt aus dem Bett mit großer Wut, angezogen und in die Stadt gelaufen. Als er zurückkam sagt er: Die ganze SA steht in Uniform dabei und die Feuerwehr spritzt nur das Lacklager an und die Synagoge brennt“. Die Feuerwehr war beauftragt worden, lediglich das angrenzende Lacklager der damaligen Firma Zöllner vor einem Überspringen der Flammen zu bewahren. Die Thorarollen hat der Butzbacher Fabrikant Heil gerettet; wahrscheinlich wurden sie ihm von jüdischen Bürgern übergeben, vor der Zerstörung der Synagoge. Die Thorarollen wurden von dem städtischen Beamten Buß in der Michaeliskapelle in den untersten Räumen (Archiv) versteckt: Ein amerikanischer Offizier hat sie 1945 dort abgeholt. Ein anderer Butzbacher Zeitzeuge berichtet: Der
E. aus der L.-gasse  Butzbach war auch so ein furchtbarer Nazi, gemeint wohl im Zusammenhang mit der Pogromnacht.

1987

Am 13. Dezember wird die Wendelinskapelle nach langjähriger Renovierung eingeweiht.
Anläßlich des 150. Todestages von Friedrich Ludwig Weidig findet in Butzbach eine Reihe von kulturellen Veranstaltungen statt.

1988

Am 1. Januar wird der Butzbacher Ferkelmarkt eingestellt, nachdem kein Bedarf mehr besteht.
Im Januar findet erstmals nach zehn Jahren in der sanierten Wendelinskapelle wieder ein Gottesdienst statt.
In Butzbach wird im Februar ein Ortsverband des Bundes für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND) gegründet.
Im Lahntor-Park in Butzbach wird die Skulptur „Der Mann zwischen Mauern" aufgestellt, ein Geschenk Butzbacher Gefangener, die am Projekt „Kunst im Knast" teilgenommen haben, an die Stadt Butzbach.
Im Juli kampieren fünf römische Legionäre (unter Führung von Markus Junkelmann) auf dem Schrenzer, die einen historischen Ritt von der Donau bis zur Saalburg unternehmen.
Den Unmut der Pohl-Gönser Bevölkerung erregen 200 ,Heavy-Metal" Fans aus dem gesamten Bundesgebiet, die auf dem Grillplatz neben dem Waldsportplatz eine dreitägige Fete veranstalten.
In Nieder-Weisel wird mit dem Umbau des ehemaligen Faselstalls zu einem Feuerwehrgerätehaus begonnen.
Die 85jährige Butzbacherin Helene Polith erhält für ihr jahrzehntelanges ehrenamtliches Engagement für ihre Mitmenschen das Bundesverdienstkreuz am Bande.
Im November wird im Butzbacher Rathaus eine Gedenktafel enthüllt, die an den jüdischen Betsaal und an die Zerstörung der Synagoge während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft erinnert.
Mit der Übergabe des renovierten Rathaussaales in Nieder-Weisel wird ein wesentlicher Abschnitt der Dorferneuerung erreicht.
So mickrig kommt Maibacher Bürgern der ihnen von der Stadt zugedachte Weihnachtsbaum am Backhaus vor, daß sie ihn kurzerhand absägen.

1989

Als wahrer Besuchermagnet erweist sich die Ausstellung "5000 Jahre Schuhmode en miniature" von Richard Fenchel im Butzbacher Museum, denn über 3500 Besucher werden gezählt.
In Butzbach bildet sich ein Aktionsbündnis Landgrafenschloß. Ziel ist eine Verhinderung weiterer Baumaßnahmen im Bereich der Schloßkaserne und eine spätere zivile Nutzung des früheren landgräflichen Schlosses.
Erstmals im Oktober haben auch in Butzbach verschiedene Geschäfte am "langen Donnerstag" bis 20.30 Uhr geöffnet.
Nach Öffnung der Grenze zur Bundesrepublik kommen auch in den Raum Butzbach zahlreiche Besucher aus der DDR.
An der Butzbacher Autobahnauffahrt in der Gemarkung Griedel wird ein Pendlerparkplatz seiner Bestimmung übergeben.
Im Rahmen eines Heimatabends stellt Werner Reusch sein Pohl-Gönser Heimatbuch vor.
Der gebürtige Butzbacher Rainer Vogl erreicht mit seiner Interpretation von Peter Maffays Hit ,Sieben Brücken" in der Jahresendausscheidung der Rudi-Carell-Show einen ausgezeichneten zweiten Platz.

1990

Das Röhricht der Rockenberger Klosterwiesen wird von der Hess. Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz und vom Hess. Naturschutzzentrum als Biotop des Jahres vorgestellt.
Die Mehrheit des Butzbacher Stadtparlaments beschließt die Bildung eines Ausländerbeirats.
Die Pohl-Gönser Naturschutzgruppe bepflanzt den Kirch-Gönser Linsenberg mit über 200 Bäumen und Büschen.
Eine Bürgerin aus einem Butzbacher Stadtteil stiftet 50 000 Mark für einen neuen Brunnen im Blockinnenbereich der südlichen Wetzlarer Straße in Butzbach. Er soll den Namen ,Mathilden-Brunnen" tragen.
Gegen die Stimmen der CDU-Fraktion beschließt der Sanierungsausschuß, daß die Weiseler Straße in Butzbach zur Fußgängerzone ausgebaut wird.
Die Stadt Butzbach erwirbt die einzigartige Sammlung von Grafiken der 1848 stattfindenden Revolution des Butzbacher Demokraten und Nudelfabrikanten Alexander Wilhelm Heil (1871-1952).
In Pohl-Göns wird der Grundstein für das neue Gemeindezentrum der ev. Kirchengemeinde gelegt.
In das Warnamt Bodenrod ziehen sechzig Asylbewerber ein.
Im Butzbacher Stadtwald werden 17 Menschen verletzt, als im Rahmen des historischen Postkurses an einer Kutsche die Bremsen versagen und als Folge zwei Kutschen umstürzen.
In der Markuskirche wird die neue Orgel eingeweiht.
Am Vorabend des Katharinenmarktes wird der Partnerschaftsvertrag zwischen Butzbach und der sächsischen Stadt Eilenburg unterzeichnet.
In Nieder-Weisel wird ein Gewerbeverein gegründet.
Die seit 1860 bestehende Gastwirtschaft ,Waldeslust" in
Bodenrod wird geschlossen.
Viel Zuspruch findet in Butzbach eine Selbsthilfegruppe von Zwillingseltern.
Gegen die Stilllegung des O&K-Werks in Butzbach demonstriert die Belegschaft in Butzbach und Dortmund.

 

 

 

 


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