Archäologie um Butzbach
S-Fibel von Nieder-Weisel;
Mitte 6. Jahrhundert; aus einem
merowingerzeitlichen Grab
bei Nieder-Weisel (Aussiedlerhof
Hildebrand II) 1963 geborgen.
Inhaltsverzeichnis
Zur
Geschichte Butzbachs .
773 wird Butzbach schriftlich erwähnt
. Butzbach im
20. Jahrhundert .
Adressen . Literatur . Bügelfibel von Ostheim
.Die Butzbacher Wendelinskapelle . Die ersten Bauern
. Bodenfunde um Kirch-Göns . Griedel in der Wetterau
.
Das Landgrafenschloss .
Auf den Spuren der Kelten .
Geschichte der Juden in der
Nördlichen-Wetterau
.
Butzbach um 1600
Aktualisiert am 5. Juni 2010
Seit den fünfziger Jahren
des 20. Jahrhunderts sind weit über 400 Fundstellen der Vor-
und Frühgeschichte in
Butzbach und seinen Stadtteilen bei Baumaßnahmen und Feldbegehungen festgestellt und
dokumentiert worden.
Umfangreiche Fundkomplexe kamen beim Bau der Autobahnauffahrt bei Griedel, der sog.
"Erwerbssiedlung" am
Schrenzerhang, der Schrenzer- und Berufsschule, der
Degerfeldsiedlung, der Nieder-Weiseler Waldsiedlung,
bei der
Bebauung des Industriegebietes Ost und bei vielen Privatbauten in Butzbach und seinen
Ortsteilen ans Tageslicht.
In den Jahren 1953 bis 1956, beim Bau der
amerikanischen Wohnsiedlung, wurde nur ein relativ kleiner Teil des
römischen Lagerdorfs mit seinem beträchtlichen Umfang westlich des Kastells ausgegraben.
1955 und von 1977 bis
1981 wurden Untersuchungen im Kastell durchgeführt, die neue Erkenntnisse über die
Größe und die Innenbebauung
des Kastells erbrachten.
Als 1985 die Neugestaltung der
Kugelherrenstraße begann, konnten in den Baugruben Siedlungsschichten freigelegt
werden, die die Anfänge von Butzbach in das 4./5. Jahrhundert datieren.
Sämtliche Funde und die dazugehörigen Dokumentationen werden seit 1975 bearbeitet und betreut.
Zur Geschichte
Butzbachs
Innerhalb Butzbachs Gemarkungsgrenzen siedelten Menschen
seit der Jungsteinzeit: Es begann vor rund 7 600 Jahren:
Der Mensch wirtschaftete und
wohnte jetzt dauerhaft auf fruchtbarem Boden. Es mag durchaus sein, dass keine völlige
Siedlungskontinuität zwischen den Kulturepochen in Butzbach besteht, aber dies betrifft
dann jeweils nur einen relativ
kurzen Zeitabschnitt. Die älteste jungsteinzeitliche
Besiedlung ist bei der Griedeler Autobahnbrücke festgestellt worden.
Nachfolgende Siedler bauten
dann ihre Unterkünfte auf dem sanft ansteigenden Gelände bis zu einer Linie Schrenzerschule -
Degerfeld (an der Landwehr). Dokumentiert sind in Butzbach folgende Kulturepochen: Altneolithikum, Mittelneolithikum,
Jungneolithikum, Endneolithikum, Mittl.
Bronzezeit, Jungbronzezeit, Hallstattzeit, Latènezeit, Römische Kaiserzeit, Spätantike
und Frühmittelalter.
Von der römischen Militär- und Zivilsiedlung zur Keimzelle Butzbachs
In den Jahren 12 bis 9. v.
Chr. zog Drusus (Stiefsohn von Augustus) mit seinen Soldaten von
Mainz aus durch
die Wetterau Richtung
Nordosten und führte Kriege gegen die Germanen; er
erreichte 9. v. Chr. sogar
die Elbe. Auf seinem Marsch nach Nordosten wurde
schon unser
Raum als Durchzugsgebiet für die Auseinandersetzungen mit den
Germanen bis zur
Elbe genutzt. Kaiser Domitian nahm
(81-85 n. Chr.) die gleiche Route durch die Wetterau bei seinen
Kriegen gegen die Chatten. 85 n. Chr. kam es unter Domitian zur Einrichtung
der beiden Provinzen
Germania Inferior und Germania Superior
(Niedergermanien und Obergermanien). Unter Kaiser
Traian (98-117) wurde der Ausbau des Limes vollzogen.
Der Obergermanisch-Rätische
Limes des Römischen Weltreiches (seit 2005 Weltkulturerbe)
erstreckt sich
über insgesamt 550 km, von
Rheinbrohl / Hönningen am Rhein bis Eining an der
Donau westlich von Regensburg.
Das heutige Butzbach und seine Stadtteile
Fauerbach v.d.H.,
Hoch-Weisel, Hausen-Oes, Pohl- und Kirch-Göns werden von rund
13,5 km Limesstrecke tangiert.
Zur Sicherung der Reichsgrenzen, zum Schutz vor Übergriffen der "Barbaren" und zur
Kontrolle der
Waren- Ein- und Ausfuhr
legten die Römer im Auftrag der Kaiser an vielen Stellen ihres Weltreiches
„limites“
an. Der lateinische
Name limes für diese Grenzlinie wurde
schließlich allgemein die
Bezeichnung für die Provinzgrenze.
Domitian
ließ von seinen Pionieren Schneisen in die Wälder
schlagen, um von dort aus, die
Chatten effektiver bekämpfen zu können. Wachttürme entlang dieser
sog. Schneisen gab es zu
dieser Zeit noch nicht. Nach neueren Forschungen erfolgte der weitere Ausbau des Limes unter
Kaiser Traian (98 bis 117 n. Chr.), der einen Kontrollweg (auch Postenweg
genannt) anlegen ließ, der
von
Holztürmen aus überwacht
wurde. Das erste große Erdkastell in Butzbach entstand zwischen
100 und 110 n. Chr. Es
hatte eine Größe von ca. 4 ha und war mit einer Holzerdemauer versehen.
Stationiert waren in diesem
Kastell die cohors II Raetorum
civium Romanorum, wahrscheinlich
noch eine unbekannte zweite Truppe.
135 n. Chr. wurde ein
Steinkastell gebaut, das eine Größe
von 2,8 ha hatte und von der cohors
II Augusta Cyrenaica erstellt
wurde. In der Mitte des
2. Jahrh. n. Chr. hat vermutlich die
Reitereinheit ala Moesica felix torquata,
die 500 Mann stark war,
das Steinkastell um 0,5 ha nach Süden hin erweitert; der
Name dieser Einheit ist
durch eine Inschrift
aus dem Kastell Butzbach belegt.
Besonderheiten im Butzbacher Raum
Die ausgesprochen gute verkehrsstrategische Lage führte auch zum Entstehen einer
ungewöhnlich
großen Zivilsiedlung, die vom
Grenzmarktverkehr profitierte.
Dort, wo die Römer etwa zwischen
100 und 260/275 n. Chr. diese große zivile
Siedlung unterhielten, bauten die Amerikaner
1953-1956 ihre Wohnsiedlung. Die damals zu Tage kommenden einzigartigen Funde
aus dem
römischen Butzbach
wurden in der ganzen westlichen Welt bekannt gemacht.
Das Ende des Wetterau-Limes
Der Münzbefund im Wetterauer Limesgebiet lässt folgende Aussage zu:
Das Ende der Besiedlung in den römischen Anlagen der Wetterau folgte wohl erst
in der Mitte der
siebziger Jahre des
3. Jahrhunderts n. Chr.
Seit den achtziger Jahren des 3. Jahrhunderts n. Chr.
wird anders gesiedelt als
seither die Römer es taten, und zwar an natürlichen
Wasserläufen; es
entstehen Holzhäuser ganz in germanischer Tradition.
Archäologische Ergebnisse belegen, dass
germanische
Gebrauchsgegenstände auch von römischen Militär- und Zivilplätzen stammen: Diese
Gegenstände wurden von Germanen
zurück gelassen, die in der römischen Armee ihren Dienst
absolvierten.
Im 4. Jahrhundert n. Chr. kann nämlich ein starker Zuwachs an Germanen in
römischen
Diensten erfasst werden, was auch den
Schriftquellen zu entnehmen ist.
Der überwiegende Teil der
germanischen „Kleinfunde“, die aus dem Limesgebiet
stammen, datieren in das 3. Jahrhundert
n. Chr., was auch für das Butzbacher Römerareal gilt. Folgende spätrömische
Münzen wurden nach
der Limesaufgabe im
großen Kastell und in der großen Zivilsiedlung in Butzbach bei amtlichen
Grabungen (hier von 1953 bis 1956) geborgen:
1. An
2. Hälfte 3. Jahrhundert, Constantius I (für Constantinopolis); 2. Fol 330/337,
C 21,
Constantius II; 3. Fol 341/346, Valentinian
I / Valens / Gratian; 4. Cen 364/383; 5. AE 4. Jahrhundert:
Somit sind die
römischen Anlagen in Butzbach nach der
Aufgabe des Limes 275 n. Chr. bis um
400 n. Chr. noch aufgesucht worden,
vielleicht auch in notdürftig hergestellten Unterkünften
bewohnt gewesen.
Weitere Münzfunde sind vorhanden, die in und bei Butzbach gefunden worden sein
sollen. Eine Kontinuität der Münzen besteht jedenfalls bis in die zweite Hälfte des
4.
Jahrhunderts n. Chr.
Untersuchungen des noch nicht
aufgearbeiteten Fundmaterials kann weitere Klarheit bringen.
Die gallorömischen Bevölkerungsschichten sind
größtenteils abgewandert.
Die Zurückgebliebenen
wurden weiter geschwächt, ausschlaggebend waren wirtschaftliche Not,
germanische
Übergriffe und neue germanische Siedler.
Ab dem 2. Drittel des 3. Jahrhunderts vollzog
sich langsam der Niedergang des
Limesgebiets. Die bestehende Bausubstanz konnte nicht
mehr instand
gehalten werden. Dies war der Auslöser für neue Siedlungen in der
Tradition der Germanen:
Holzhäuser wurden jetzt gebaut
an leichten Hängen und natürlichen Wasserläufen, so wie auch in
Butzbach in der
Kugelherrenstraße, Kasernenstraße und im Bereich der
Markuskirche. Die Keimzelle
Butzbachs war geschaffen.
„Die Umstrukturierung vom römischen Provinzgebiet zur germanischen
Siedlungslandschaft war spätestens
im Jahr 297 n. Chr. beendet:
Aus diesem Jahr stammt die älteste
erhaltene Urkunde, die bestätigt, dass
in der
Folge das ehemalige rechtsrheinische Limesgebiet territorial
jetzt ALAMANIA heißt“.
Sehenswertes rund um Butzbach
- Der mit Wall und Graben sichtbare Limes ist über weite Strecken im Wald
zwischen Hoch-Weisel
und Hausen, zwischen
Hausen und nördlich des Schrenzers, sowie an der nördlichen Begrenzung des
Griedeler Markwaldes (Richtung Pohl-Göns
und Richtung Kirch-Göns) recht gut erkennbar. Sein
Verlauf ist auch durch eine
Beschilderung sichtbar gemacht.
An vielen Stellen in unmittelbarer Nähe
sind die Standorte der früheren
Limestürme oder Kleinkastelle
durch Bodenerhebungen
noch zu sehen.
2007 ist ein „Limesrundweg“ bei Butzbach entstanden, der in Zusammenhang mit dem
Limesentwicklungsplan und Tourismuskonzept des Wetteraukreises angeregt wurde.
Die Tafeltexte und
Abbildungen (auf sieben Stelltafeln) sind vom
Geschichtsverein Butzbach (Winfried Schunk) und dem
Museum der Stadt Butzbach
(Dr. Dieter Wolf), in Absprache mit
dem Kreisarchäologen (Dr. Jörg Lindenthal)
entwickelt worden.
Der neue „Limesrundweg“ bei Butzbach hat folgende Zielpunkte:
- Zu den vier Ausbauphasen auf dem Schrenzer, dem dort rekonstruierten Holzturm, der nach
Forschungsergebnissen falsch
rekonstruiert wurde, zu dem quadratischen
und konservierten Fundament
des daneben liegenden
Steinturms
und dem Wall und Graben sowie zu der rekonstruierten Palisade,
- zu einem älteren Gehöft der Hallstattzeit in unmittelbarer Nähe, dort auch
Reste der älteren Limesanlagen
mit einem
Kleinkastell erkennbar,
- zum Standort des ehemaligen großen Kastells Hunneburg (mit dem
anschließenden
Lagerdorf),
- zum Standort des ehemaligen Kleinkastells Degerfeld,
- zum Limes am Nordrand des Griedeler Waldes, wo der Limes im 14./15.
Jahrhundert zur „Landwehr“
(einer Absicherung
der Territorialgrenzen) durch Aufschüttung von Erdreich erhöht wurde:
Nördlich der Texttafel, wo der Griedeler-Wald seinen geraden Verlauf verlässt,
war der Limes bei seiner
Überformung zur Landwehr und darüber hinaus durch jahrhundertelangen Ackerbau
oberflächig nicht
mehr sichtbar: Die Hecke, die etwa 100 m weit in südwestliche Richtung neben
einem Feldweg den Hang
hinunterzieht, markiert den Verlauf der Landwehr; der mittelalterliche Wartturm
stand auf der der Stadt
zugewandten Seite,
- Hinweise auf die interessante Römische Abteilung im Museum der Stadt Butzbach,
Färbgasse 16,
werden von dort aus
auch gegeben. Das Museum wird zu den Info-Stationen der Weltkultur-Strecke
Obergermanisch-Rätischer Limes gehören.
Eine touristische Attraktion für die Zukunft könnte die
Kenntlichmachung des nur
zum kleineren Teil überbauten Geländes
des großen Kastells Hunneburg sein,
etwa auch die seit langem geplante
Wiederaufmauerung der Fundamente des westlichen
Kastelltors,
das 1977 / 80 ergraben wurde.
Die Wachttürme auf dem Schrenzer bei Butzbach
Ein Postenweg und Holztürme standen den
Wachtsoldaten um
100 n. Chr. für ihren
Dienst an der Grenze zur Verfügung. Nach dieser Grenzsicherung wurden auch
die ersten Holzerdekastelle gebaut.
Als weitere Sicherung der römischen
Grenze wurde 120 n. Chr.
auf Anordnung von Kaiser Hadrian eine
Palisade erstellt. Spätestens nach 30 - 40
Jahren war die
Eichenholzpalisade zerfallen (eine
Eichenholzpalisade wurde 1977 auf dem Schrenzer bei Butzbach erstellt,
die nach ca. 30 Jahren abgefault
war). Bei Marköbel in der Wetterau konnte
festgestellt werden, dass die
vermoderte Holzpalisade
nicht erneuert wurde, sondern man um 180 n. Chr. einen
Graben aushob und
den Aushub dahinter als
Wall aufschüttete. Wohl um die Mitte des 2. Jahrh. n. Chr.
wurden Steintürme gebaut,
da die Holztürme durch
die Witterungseinflüsse baufällig geworden waren.
Auf dem Schrenzer steht heute ein Fachwerkturm, der auf einen 1890 von der
Reichslimeskommission
angeregten Vorschlag
zurückgeht. Die ältere Rekonstruktion des Turms, von dessen ursprünglichem
Vorbild die vier Eckpfosten und Reste
eines kreisförmig herumführenden Abwassergräbchens gefunden
wurden, wurde
zwischen Mai und November 1899
erbaut. Gegen Ende des 2. Weltkriegs war der Holzturm
bis auf einen Haufen herumliegender vermoderter Bretter nicht mehr vorhanden.
Der heutige Turm wurde von der Stadt
Butzbach 1954 in Auftrag gegeben und konnte
am 10. 7. 1957
eingeweiht werden. Leider entspricht die Rekonstruktion nicht dem
heutigen Wissensstand:
So ist er
mindestens ein Stockwerk zu niedrig rekonstruiert, die Holzkonstruktion war in
römischer Zeit völlig
anders. Der Eingang war lediglich
durch eine Leiter erreichbar und lag im ersten Obergeschoss.
Daneben sind die Fundamente des Turmnachfolgers aufgemauert, eines mächtigen,
wohl dreigeschossigen
römischen Steinturms,
der die Funktionen des hölzernen Vorgängers im späten 2. Jh. übernahm.
In merowingischer und karolingischer Zeit bis zur
Ersterwähnung in schriftlichen Urkunden 773
entwickelte sich Butzbach
zu einem größeren
Dorf.
Literatur:
Steidl,
Bernd, Die Wetterau vom
3. bis 5. Jahrhundert n. Chr., Materialien zur Vor- und Frühgeschichte von
Hessen,
Wiesbaden 2000;
Schallmayer, Egon, Der Limes. Geschichte einer Grenze. München 2006;
Winfried und Gail Schunk, Siedlungen
der Vor- und Frühgeschichte
in Butzbach und seinen Stadtteilen, Butzbacher Hefte
5, Butzbach-Griedel 1996.
Gewaltsamer Tod
Im 3. Jahrhundert auf dem Tennisplatz in Butzbach-Nieder-Weisel
Im Jahr 2004 fanden Vorbereitungen für die Installation einer
Flutlichtanlage auf dem Tennisplatz
in Butzbach-Nieder-Weisel
statt. Zum Verlegen der Stromkabel wurde parallel zum Betonfundament
des Zauns,
im Abstand von etwa 30 cm,
ein 40 cm breiter Graben ausgehoben. Hierbei kamen nahe
der Platzecke
Knochenteile im Erdaushub zutage. Ein Facharzt
für Orthopädie, der auch Vereinsmitglied ist,
stellte fest, dass es sich um
Fragmente menschlicher Langknochen handelte.
Daraufhin wurde die Polizei verständigt, die wiederum die Rechtsmedizin zum
Fundort rief.
Das Skelett lag auf einem massiven Fundament aus hellgrauen Quarzitsteinen, die
beim weiteren Abtragen
der noch lockeren
Einfüllung zum Vorschein kamen.
Bereits beim Bau der Tennisanlage fanden wir unterhalb der Grasnarbe römische
Ziegelstücke. Das Gelände
im genannten
Bereich weist ein leichtes West-Ost-Gefälle auf. Ein Bachlauf, der Reiserbach,
verläuft
von der Fundstelle etwa 20–30 m
entfernt in west-östlicher Richtung. In diesen Bach mündete früher
der kleinere
Vorderweidbach, der von Nordwesten
herangeführt wurde und heute anscheinend verrohrt ist.
Auch südlich des Bachs
kamen beim Begehen der Äcker römische
Scherben zum Vorschein. Da man davon
ausgehen kann, dass der Bach nicht mitten
durch die römische Niederlassung zog,
müsste diese, vermutlich
eine villa rustica, auf dem Gelände des heutigen
Tennis- und Sportplatzgeländes zu suchen sein.
Die Bundesstraße verläuft etwa 100 m weiter östlich der Fundstelle entfernt;
unter ihrer Asphaltdecke
erstreckt sich sehr
wahrscheinlich die ehemalige römische Straßentrasse. In unmittelbarer Nähe
westlich
der Skelettfundstelle liegen zwei
germanische Siedlungsstellen aus der Spätantike, die wir bei Baumaßnahmen
„In
den Herrengärten“ und beim Kindergarten
dokumentieren konnten.
Das Skelett lag auf Quarzitsteinen, die eine scharfe Kante ausbildeten und
vermutlich zu einem Fundament
gehören. Östlich
dieses Fundaments stieß man auf römische Ziegel, Terra Sigillata, Fragmente von
einfacher
Gebrauchskeramik und einen
Spinnwirtel germanischer Herkunft. Dass der Tote – gemäß Geschlechts und
Altersbestimmung ein männliches Individuum
von 40–60 Jahren – auf römischen Funden ruhte, erhärtete die
Annahme, dass es
sich um einen Angehörigen der gallo-römischen
Bevölkerung handelt.
Das Ergebnis der 14C-Untersuchung (Leibnitz Labor für Altersbestimmung und
Isotopenforschung der
Christian-Albrechts-Universität Kiel), deren Kosten dankenswerterweise das
Museum der Stadt Butzbach
und der
Geschichtsverein für Butzbach und Umgebung e. V. übernommen hatte, lieferte
hierfür einen weiteren
Anhaltspunkt.
Hiernach hatten sich bereits deutliche Hinweise auf einen römerzeitlichen
Kontext ergeben,
die durch das anhand
der 14C-Datierung gewonnene Zeitfenster, 245–263 n. Chr., bestätigt wurden.
Im Folgenden sei kurz der historische Hintergrund skizziert, der die Umstände
des vorliegenden
gewaltsamen Todesfalls
ein wenig zu erhellen vermag: Während des krisenhaften, unruhigen 3. Jahrhundert
n. Chr.
lebte die in den Nordwestprovinzen
ansässige, grenznahe Bevölkerung in ständiger Bedrohung vor den aus
dem Barbaricum einfallenden Germanengruppen,
deren Plünderungen Siedlungen, Gutshöfe und auch
Heiligtümer zum Opfer fielen.
Meist waren es Franken und Alamannen
auf der Suche nach Beute, in erster
Linie Metallgegenstände. Die
Provinzialbevölkerung flüchtete auf abgelegene Höhensiedlungen.
Große Furcht herrschte, weil die Germanen auch Gräueltaten begingen, wie z. B.
im oberpfälzischen
Regensburg-Harting,
wo die Bewohner eines Gutshofs massakriert wurden. Ein ähnliches Drama wie in
Regensburg könnte sich nach den bisherigen
Erkenntnissen um 250 n. Chr. auch in dem mutmaßlichen
Gutshof auf dem heutigen
Sportgelände von Nieder-Weisel abgespielt
haben. Ein germanisches Siedlungsareal
(siehe oben) ist für den Bereich eines
heutigen Neubaugebietes belegt, das sich in geringer
Entfernung
zu den Tennisplätzen befindet. Die Alamannen errichteten dort
Fachwerkbauten zu Wohnzwecken,
so genannte
Grubenhäuser wurden von Handwerkern genutzt und Speicherbauten dienten wohl zur
Unterbringung der Ernte.
Literatur:
hessen Archäologie 2007, S. 102 ff., Stuttgart 2008. -
H. Bernhard, Niedergang und Neubeginn. Das Ende der römischen
Herrschaft. In: W. Menghin/D. Planck (Hrsg.),
Menschen, Zeiten, Räume. Archäologie in Deutschland (Stuttgart 2002) 306–315. –
Fundberichte aus Hessen 36, 1996, 354. –
B. Hanemann, Hortfunde, Römerschätze und Alamannenbeute. In: Imperium Romanum:
Römer, Christen, Alamannen –
Die Spätantike am Oberrhein (Karlsruhe, Stuttgart 2005) 102–105. – M. Reuter,
Leben in römischen
Ruinen, Die germanischen
Neueinwanderer in Südwestdeutschland und das römische Erbe In: Imperium Romanum:
Römer,
Christen, Alamannen –
Die Spätantike am Oberrhein (Karlsruhe, Stuttgart 2005) 111–116. – W. Schunk/G.
Schunk,
Alamannische Siedlungen in
Butzbach und Nieder-Weisel. In: Siedlungen der Vor- und Frühgeschichte in
Butzbach und
seinen Stadtteilen
(Butzbach 1996) 151–153.
Bügelfibel
von Ostheim,
gefunden beim Bau eines
Wohnhauses
in der Römerstraße. Die Ostheimer Bügelfibel hatte allerdings 7 Knöpfe auf der
Kopfplatte. Sie besitzt
eine ovale Fußplatte, an die sich ein Tierkopf mit planen "Almadinaugen" auf
gerasterten Folienblechen
anschließt; außerdem Rankenverzierung und weitere Ornamentierung zu
völkerwanderungszeitlichen Gewandspangen
des 6. Jahrhunderts. Auf der Kopf- und Fußplatte ist das dreifach gegliederte Rankenmotiv
von einer fein gekerbten,
oder aus aneinandergereihten punktförmigen Erhebungen bestehenden Leiste, sowie von zwei
Reihen enggestellter
Niellodreiecke eingerahmt, die ein plastisches zierliches Winkelband einschließen. Dieses
Winkelband zeigt sich in
Resten auf der Mittelleiste des Bügels, dessen Seitenflächen von dreifach gegliederten
Rankenmustern bedeckt sind, und
auch auf der Mittelseite des Tierkopfes. Halbkreisförmige Liniengruppen ziehen sich
längs dieser Leiste hin.

773 wird Butzbach
schriftlich erwähnt: als Botisphaden und später auch Botinesbach. Der Name
Botisphaden wird allgemein als
"Zu den Pfaden des Boto" interpretiert.
Schenkungen von Rechten und Gütern in Butzbach liegen an das Reichskloster Lorsch vor;
ebenso an
Fulda, mit eingeschlossen die Kirche. Die Herren von Hagen und Arnsburg hatten
zu dieser Zeit die ganze nördliche Wetterau in ihrem Besitz.
1166 nannten sie sich von Münzenberg; sie erbauten etwa 10 Jahre vorher die große
staufische Burganlage auf dem Basaltkegel. Es ist durchaus
möglich, daß um 1255 ein sog.
"Gefolgsmann", die Münzenberger waren ausgestorben, in Butzbach eine kleine
Burg betreute, er nannte sich
nämlich nach Butzbach. Daraufhin erbten die Grafen von
Hanau das Dorf Butzbach: 1256 ließen sie in Butzbach die erste Burg bauen.
Die Falkensteiner waren auch Erben der Münzenberger; sie kamen noch vor 1320 in den Besitz
von Butzbach.
Der Falkensteiner Philipp IV. hatte Großes mit seinem Dorf vor: Es gelang ihm, aus
Butzbach einen Mittelpunkt der nördlichen Wetterau zu machen:
Er strebte nämlich
Stadtrechte an, die am 10. August 1321 gewährt wurden: vom Kaiser Ludwig der Bayer. Und
so auch die Freiheiten, die schon
Frankfurt besaß. Eine Stadtmauer und andere
Sicherheitsanlagen wurden gebaut. Bereits 1371 wird ein Rathaus erwähnt. Im 15.
Jahrhundert hatte
Butzbach ca. 2000 Einwohner. Im 14. Jahrhundert bauten die Butzbacher
ihre Kirche im gotischen Stil um. Butzbach hatte nun abschreckende
Festungsanlagen, einen
großen Marktplatz und eine umgebaute Kirche, die der Zeit entsprach. Der Falkensteiner
Philipp VII. überbrachte den
Stadtherren 1368 das von ihm befürwortete sog.
Stadtprivileg. Jetzt erst konnte sich die neue Stadt zu ihren Gunsten in wirtschaftlicher
und sozialer
Hinsicht entwickeln. Menschen aller Berufssparten kamen nun nach Butzbach, um
ihrer Arbeit nachzugehen: Es waren im 15. Jahrhundert 181
verschiedene Berufe.
Herausragende Berufe waren die Wollweber und Tuchmacher: Diese Butzbacher Produzenten
waren auf so bedeutenden
Märkten wie in Worms und Frankfurt zu finden.
Den ältesten Teil des "Landgrafen-Schlosses" (im Südosten der Ringmauer) ließ
um 1390 Philipp VII. von Falkenstein erbauen: Von hier aus gab
er bis zu seinem Tode seine
Instruktionen an seine Untertanen weiter. 1419 fand eine Erbteilung statt, weil ein Jahr
zuvor die Falkensteiner
männlicherseits ausstarben. Über das Schicksal Butzbachs
entschied damals das Los: Zwei Brüder von Eppstein bekamen ein Drittel von Butzbach.
Die Solms-Braunfelser Grafen konnten 1478 eine Hälfte von Butzbach einstreichen, und ein
Viertel ein Jahr darauf die Solms-Licher: Zu diesen
Erben gehörten noch die Grafen von
Katzenelnbogen, ihr Anteil schluckten 1479 die hessischen Landgrafen. Butzbach und einige
Nachbardörfer
wurden von 1609 bis 1643 von einer Seitenlinie Hessen-Darmstadts regiert:
Landgraf Philipp von Hessen-Darmstadt-Butzbach ließ deshalb ein
neues aufwendiges
Gebäude mit ebenso umfangreichen Parkanlagen bauen. Was immer wieder gern erwähnt wird,
ist die enge Beziehung Philipps
zu dem Astronom Johannes Kepler.
Landgraf Philipp von Hessen-Butzbach verhielt sich während des fürchterlichen 30jährigen Krieges neutral, so weit es ihm möglich war. Es gelang ihm, sein Territorium von "Kriegsdrangsalen fern zu halten". 1620 zogen Krieger durch Butzbach auf dem Marsch nach der Pfalz. Die Bürger mußten wachsam sein, um Ausschreitungen dieser Soldaten zu verhindern. Landgraf Philipp starb 1643 an den Folgen einer Verbrennung. Die Hessen-Regierung bemächtigte sich 1741 der Stadt Butzbach.
Der linksliberale Friedrich Ludwig Weidig
(1791 bis 1837) prägte mit seinen politischen Ansichten viele Butzbacher, hauptsächlich
seine Schüler,
Weidig war Pädagoge. Er verfaßte mit Georg Büchner die revolutionäre
Flugschrift der "Hessische Landbote".
Auch Butzbach profitierte am Ende des 19. Jahrhunderts von der Industrialisierung:
Hingenommen werden mußte dadurch natürlich der
Abriß von jahrhundertealter Bausubstanz.

Die im 14. Jahrh.
im
gotischen Stil
umgebaute Markuskirche in Butzbach.
![]()
Butzbachs römisches Wahrzeichen: Der falsch rekonstruierte Holzturm auf dem Schrenzer. Im Vordergrund das konservierte Steinturmfandament.
| Butzbach. Kasernenstraße 4, von Johann Christophel Hammerschmidt (1706) erbaut. Fachwerk mit zwei Füllbrettern, die Sonne und Mond darstellen. |
| Die Butzbacher Wendelinskapelle:
Sie
ist die älteste Fachwerkkirche Hessens, vielleicht sogar Deutschlands. Eine
dendrochronologische Untersuchung verschiedener Balken der Kapelle ergab ein
Fällungsdatum von 1438. Das Fachwerk wurde bei der Sanierung 1983 bis 1987 zum Teil
ergänzt, da einige verfaulte Balken die Standfestigkeit des Gebäudes nicht mehr
gewährleisteten. Vor der Sanierung der Wendelinskapelle wurde eine archäologische
Untersuchung der gesamten Innenfläche vorgenommen, die von der Archäologischen
Denkmalpflege in Wiesbaden und der Archäologischen AG des Geschichtsvereins Butzbach
durchgeführt wurde. Diese Ergebnisse sehen wie folgt aus: Innerhalb des Grundrisses der Kapelle von 1438/40, wie er sich heute noch zum Teil darstellt, liegt das Fundament eines rechteckigen Gebäudes (unterste Lage), das mit Basaltsteinen erstellt |
worden war. Aufgrund der Breite des Fundaments von 0,80 m und keramischer Funde zwischen den Fundamentsteinen, ist eine Bauzeit für dieses Gebäude im frühen 13. Jahrhundert anzusetzen: Es könnte auch schon im späten 12. Jahrhundert entstanden sein. Im damaligen Altarbereich wurden unter dem Basaltfundament des frühen 13. Jahrhunderts ein Pfostenloch und eine Grube freigelegt, die menschliche Knochen, dunklen Humus und ein spätkarolingisches Keramikfragment barg: Dazu gehörte noch eine Torfschicht von 6 bis 7 cm Stärke, die in den Profilen der Kapelle zu verfolgen war und höchstwahrscheinlich einen Holzfußboden darstellte: Dies deutet jedenfalls auf ein noch älteres Gebäude hin, das schon im 10. oder 11. Jahrhundert unmittelbar an der alten Römerstraße gebaut worden war. |
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Adressen
1. Vorsitzender des Geschichtsvereins
Butzbach:
Dieter Bertram, Pfarrer i.R.
35510 Butzbach-Griedel,
Tel.: 06033/973641
Verantwortlich für den Inhalt dieser
Homepage:
Winfried und Gail Schunk
Brudergasse 8
35510 Butzbach-Griedel
E-Mail: winfried.schunk@web.de
Tel.: 06033/65030
Literatur
Siedlungen der Vor- und Frühgeschichte in
Butzbach und seinen Stadtteilen,
in: Butzbacher Hefte 5, Butzbach-Griedel 1996,
ISBN 3-932079-02-7, Afra Verlag,
35510 Butzbach-Griedel, Rockenberger Straße 10
Tel./Fax: 06033/68287
Butzbach-Chronik, Eine Zeittafel
für Butzbach
und seine Stadtteile,
Butzbach-Griedel 1994, ISBN 3-923217-82-x.
Afra Verlag, 35510 Butzbach-Griedel,
Rockenberger Straße 10
Einblicke ins Römische Butzbach.
Der Butzbacher Raum in der Römerzeit,
Begleitschrift des Museums Butzbach, 1996
Museum der Stadt und Stadtarchiv
35510 Butzbach, Färbgasse 16
Tel.: 06033/65005
Die Wendelinskapelle in Butzbach.
Hsg.:
Geschichtsverein Butzbach, Butzbach 1987
L. Horst, Zur Geschichte Butzbachs,
vom Mittelalter bis zum
18. Jahrhundert, Butzbach 1971
Neuerscheinung 1998
Gail Schunk-Larrabee
Die Entwicklung der
Oberhessischen Keramik
am Beispiel Marburger Bodenfunde
Die Arbeit soll anhand der
Leitgruppen - wie Töpfe und Schüsseln -,
die bei Ausgrabungen zutage gefördert wurden, ein Datierungsgerüst bilden.
Das Fundmaterial, das als Basis für diese Arbeit diente, hat die Verfasserin
in den Jahren 1975 bis 1985 selbst ausgegraben und geborgen.
Für fast alle untersuchten Häuser liegen die ermittelten Besitzer mit biographischen
Angaben als auch eine Zusammenstellung der Funde und Befunde vor.
Die angegebenen Daten entsprechen dem Zeitpunkt, zu dem die Funde in die Erde gelangten.
ISBN 3-932079-13-2
Afra Verlag, 35510 Butzbach-Griedel, Rockenberger Straße 10
Bestellungen beim Verlag oder Brudergasse 8, 35510 Butzbach-Griedel.