Archäologie um Butzbach


S-Fibel von Nieder-Weisel;
Mitte 6. Jahrhundert; aus einem
merowingerzeitlichen Grab
bei Nieder-Weisel (Aussiedlerhof
Hildebrand II) 1963 geborgen.

Inhaltsverzeichnis

Zur Geschichte Butzbachs  . 773 wird Butzbach schriftlich erwähnt . Butzbach im 20. Jahrhundert  .  Adressen  Literatur . Bügelfibel von Ostheim .Die Butzbacher Wendelinskapelle . Die ersten Bauern   . Bodenfunde um Kirch-Göns Griedel in der Wetterau  .
Das Landgrafenschloss . Auf  den Spuren der Kelten . Geschichte der Juden in der Nördlichen-Wetterau . Butzbach um 1600


Aktualisiert am 5. Juni 2010


Seit den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts sind weit über 400 Fundstellen der Vor- und Frühgeschichte in
Butzbach und seinen Stadtteilen bei Baumaßnahmen und Feldbegehungen festgestellt und dokumentiert worden.
Umfangreiche Fundkomplexe kamen beim Bau der Autobahnauffahrt bei Griedel, der sog. "Erwerbssiedlung" am
Schrenzerhang, der Schrenzer- und Berufsschule, der Degerfeldsiedlung, der Nieder-Weiseler Waldsiedlung,
bei der Bebauung des Industriegebietes Ost und bei vielen Privatbauten in Butzbach und seinen Ortsteilen ans Tageslicht.

In den Jahren 1953 bis 1956, beim Bau der amerikanischen Wohnsiedlung, wurde nur ein relativ kleiner Teil des
römischen Lagerdorfs mit seinem beträchtlichen Umfang westlich des Kastells ausgegraben. 1955 und von 1977 bis
1981 wurden Untersuchungen im Kastell durchgeführt, die neue Erkenntnisse über die Größe und die Innenbebauung
des Kastells erbrachten.

Als 1985 die Neugestaltung der Kugelherrenstraße begann, konnten in den Baugruben Siedlungsschichten freigelegt
werden, die die Anfänge von Butzbach in das 4./5. Jahrhundert datieren.

Sämtliche Funde und die dazugehörigen Dokumentationen werden seit 1975 bearbeitet und betreut.

 


Zur Geschichte Butzbachs

Innerhalb Butzbachs Gemarkungsgrenzen siedelten Menschen seit der Jungsteinzeit: Es begann vor rund 7 600 Jahren:
Der Mensch wirtschaftete und wohnte jetzt dauerhaft auf fruchtbarem Boden. Es mag durchaus sein, dass keine völlige
Siedlungskontinuität zwischen den Kulturepochen in Butzbach besteht, aber dies betrifft dann jeweils nur einen relativ
kurzen Zeitabschnitt. Die älteste jungsteinzeitliche Besiedlung ist bei der Griedeler Autobahnbrücke festgestellt worden.
Nachfolgende Siedler bauten dann ihre Unterkünfte auf dem sanft ansteigenden Gelände bis zu einer Linie Schrenzerschule -
Degerfeld (an der Landwehr). Dokumentiert sind in Butzbach folgende Kulturepochen: Altneolithikum, Mittelneolithikum,
Jungneolithikum, Endneolithikum, Mittl. Bronzezeit, Jungbronzezeit, Hallstattzeit, Latènezeit, Römische Kaiserzeit, Spätantike
und Frühmittelalter.

Von der römischen Militär- und Zivilsiedlung zur Keimzelle Butzbachs

In den Jahren 12 bis 9. v. Chr. zog Drusus (Stiefsohn von Augustus) mit seinen Soldaten von
Mainz aus durch die Wetterau Richtung Nordosten und führte Kriege gegen die Germanen; er
erreichte 9. v. Chr. sogar die Elbe. Auf seinem Marsch nach Nordosten wurde schon unser
Raum als Durchzugsgebiet für die Auseinandersetzungen mit den Germanen bis zur
Elbe genutzt. Kaiser Domitian nahm (81-85 n. Chr.) die gleiche Route durch die Wetterau bei seinen
Kriegen gegen die Chatten. 85 n. Chr. kam es unter Domitian zur Einrichtung der beiden Provinzen
Germania Inferior
und Germania Superior (Niedergermanien und Obergermanien). Unter Kaiser
Traian (98-117) wurde der Ausbau des Limes vollzogen.
Der Obergermanisch-Rätische Limes des Römischen Weltreiches (seit 2005 Weltkulturerbe)
erstreckt sich über insgesamt 550 km, von Rheinbrohl / Hönningen am Rhein bis Eining an der
Donau westlich von Regensburg. Das heutige Butzbach und seine Stadtteile Fauerbach v.d.H.,
Hoch-Weisel, Hausen-Oes, Pohl- und Kirch-Göns werden von rund 13,5 km Limesstrecke tangiert.
Zur Sicherung der Reichsgrenzen, zum Schutz vor Übergriffen der "Barbaren" und zur Kontrolle der
Waren- Ein- und Ausfuhr legten die Römer im Auftrag der Kaiser an vielen Stellen ihres Weltreiches
„limites“ an. Der lateinische Name limes für diese Grenzlinie wurde schließlich allgemein die
Bezeichnung für die Provinzgrenze.
Domitian ließ von seinen Pionieren Schneisen in die Wälder schlagen, um von dort aus, die
Chatten effektiver bekämpfen zu können. Wachttürme entlang dieser sog. Schneisen gab es zu
dieser Zeit noch nicht. Nach neueren Forschungen erfolgte der weitere Ausbau des Limes unter
Kaiser Traian (98 bis 117 n. Chr.), der einen Kontrollweg (auch Postenweg genannt) anlegen ließ, der
von Holztürmen aus überwacht wurde. Das erste große Erdkastell in Butzbach entstand zwischen
100 und 110 n. Chr. Es hatte eine Größe von ca. 4 ha und war mit einer Holzerdemauer versehen.
Stationiert waren in diesem Kastell die cohors II Raetorum civium Romanorum, wahrscheinlich
noch eine unbekannte zweite Truppe. 135 n. Chr. wurde ein Steinkastell gebaut, das eine Größe 
von 2,8 ha hatte und von der cohors II Augusta Cyrenaica erstellt wurde. In der Mitte des
2. Jahrh. n. Chr. hat vermutlich die Reitereinheit ala Moesica felix torquata, die 500 Mann stark war,
das Steinkastell um 0,5 ha nach Süden hin erweitert; der Name dieser Einheit ist durch eine Inschrift
aus dem Kastell Butzbach belegt.

Besonderheiten im Butzbacher Raum
Die ausgesprochen gute verkehrsstrategische Lage führte auch zum Entstehen einer ungewöhnlich
großen Zivilsiedlung, die vom Grenzmarktverkehr profitierte. Dort, wo die Römer etwa zwischen
100 und 260/275 n. Chr. diese große zivile Siedlung unterhielten, bauten die Amerikaner
1953-1956 ihre Wohnsiedlung. Die damals zu Tage kommenden einzigartigen Funde aus dem
römischen Butzbach wurden in der ganzen westlichen Welt bekannt gemacht.


Das Ende des Wetterau-Limes

Der Münzbefund im Wetterauer Limesgebiet lässt folgende Aussage zu:
Das Ende der Besiedlung in den römischen Anlagen der Wetterau folgte wohl erst in der Mitte der
siebziger Jahre des 3. Jahrhunderts n. Chr. Seit den achtziger Jahren des 3. Jahrhunderts n. Chr.
wird anders gesiedelt als seither die Römer es taten, und zwar an natürlichen Wasserläufen; es
entstehen Holzhäuser ganz in germanischer Tradition. Archäologische Ergebnisse belegen, dass
germanische Gebrauchsgegenstände auch von römischen Militär- und Zivilplätzen stammen: Diese
Gegenstände wurden von Germanen zurück gelassen, die in der römischen Armee ihren Dienst
absolvierten. Im 4. Jahrhundert n. Chr. kann nämlich ein starker Zuwachs an Germanen in römischen
Diensten erfasst werden, was auch den Schriftquellen zu entnehmen ist. Der überwiegende Teil der
germanischen „Kleinfunde“, die aus dem Limesgebiet stammen, datieren in das 3. Jahrhundert
n. Chr., was auch für das Butzbacher Römerareal gilt. Folgende spätrömische Münzen wurden nach
der Limesaufgabe im großen Kastell und in der großen Zivilsiedlung in Butzbach bei amtlichen
Grabungen (hier von 1953 bis 1956) geborgen:
1. An 2. Hälfte 3. Jahrhundert, Constantius I (für Constantinopolis); 2. Fol 330/337, C 21,
Constantius II; 3. Fol 341/346, Valentinian I / Valens / Gratian; 4. Cen 364/383; 5. AE 4. Jahrhundert:
Somit sind die römischen Anlagen in Butzbach nach der Aufgabe des Limes 275 n. Chr. bis um
400 n. Chr. noch aufgesucht worden, vielleicht auch in notdürftig hergestellten Unterkünften
bewohnt gewesen. Weitere Münzfunde sind vorhanden, die in und bei Butzbach gefunden worden sein
sollen. Eine Kontinuität der Münzen besteht jedenfalls bis in die zweite Hälfte des 4. Jahrhunderts n. Chr.
Untersuchungen des noch nicht aufgearbeiteten Fundmaterials kann weitere Klarheit bringen.
Die gallorömischen Bevölkerungsschichten sind größtenteils abgewandert.
Die Zurückgebliebenen wurden weiter geschwächt, ausschlaggebend waren wirtschaftliche Not,
germanische Übergriffe und neue germanische Siedler. Ab dem 2. Drittel des 3. Jahrhunderts vollzog
sich langsam der Niedergang des Limesgebiets. Die bestehende Bausubstanz konnte nicht mehr instand
gehalten werden. Dies war der Auslöser für neue Siedlungen in der Tradition der Germanen:
Holzhäuser wurden jetzt gebaut an leichten Hängen und natürlichen Wasserläufen, so wie auch in
Butzbach in der Kugelherrenstraße, Kasernenstraße und im Bereich der Markuskirche. Die Keimzelle
Butzbachs war geschaffen.
„Die Umstrukturierung vom römischen Provinzgebiet zur germanischen Siedlungslandschaft war spätestens
im Jahr 297 n. Chr. beendet: Aus diesem Jahr stammt die älteste erhaltene Urkunde, die bestätigt, dass
in der Folge das ehemalige rechtsrheinische Limesgebiet territorial jetzt ALAMANIA heißt“.


Sehenswertes rund um Butzbach

- Der mit Wall und Graben sichtbare Limes ist über weite Strecken im Wald zwischen Hoch-Weisel
und Hausen, zwischen Hausen und nördlich des Schrenzers, sowie an der nördlichen Begrenzung des
Griedeler Markwaldes (Richtung Pohl-Göns und Richtung Kirch-Göns) recht gut erkennbar. Sein
Verlauf ist auch durch eine Beschilderung sichtbar gemacht. An vielen Stellen in unmittelbarer Nähe
sind die Standorte der früheren Limestürme oder Kleinkastelle durch Bodenerhebungen
noch zu sehen. 2007 ist ein „Limesrundweg“ bei Butzbach entstanden, der in Zusammenhang mit dem
Limesentwicklungsplan und Tourismuskonzept des Wetteraukreises angeregt wurde. Die Tafeltexte und
Abbildungen (auf sieben Stelltafeln) sind vom Geschichtsverein Butzbach (Winfried Schunk) und dem
Museum der Stadt Butzbach (Dr. Dieter Wolf), in Absprache mit dem Kreisarchäologen (Dr. Jörg Lindenthal)
entwickelt worden. Der neue „Limesrundweg“ bei Butzbach hat folgende Zielpunkte:
- Zu den vier Ausbauphasen auf dem Schrenzer, dem dort rekonstruierten Holzturm, der nach
Forschungsergebnissen falsch rekonstruiert wurde, zu dem quadratischen und konservierten Fundament
des daneben liegenden Steinturms und dem Wall und Graben sowie zu der rekonstruierten Palisade,
- zu einem älteren Gehöft der Hallstattzeit in unmittelbarer Nähe, dort auch Reste der älteren Limesanlagen
mit einem Kleinkastell erkennbar, - zum Standort des ehemaligen großen Kastells Hunneburg (mit dem
anschließenden Lagerdorf), - zum Standort des ehemaligen Kleinkastells Degerfeld,
- zum Limes am Nordrand des Griedeler Waldes, wo der Limes im 14./15. Jahrhundert zur „Landwehr“
(einer Absicherung der Territorialgrenzen) durch Aufschüttung von Erdreich erhöht wurde:
Nördlich der Texttafel, wo der Griedeler-Wald seinen geraden Verlauf verlässt, war der Limes bei seiner
Überformung zur Landwehr und darüber hinaus durch jahrhundertelangen Ackerbau oberflächig nicht
mehr sichtbar: Die Hecke, die etwa 100 m weit in südwestliche Richtung neben einem Feldweg den Hang
hinunterzieht, markiert den Verlauf der Landwehr; der mittelalterliche Wartturm stand auf der der Stadt
zugewandten Seite,
- Hinweise auf die interessante Römische Abteilung im Museum der Stadt Butzbach, Färbgasse 16,
werden von dort aus auch gegeben. Das Museum wird zu den Info-Stationen der Weltkultur-Strecke
Obergermanisch-Rätischer Limes gehören. Eine touristische Attraktion für die Zukunft könnte die
Kenntlichmachung des nur zum kleineren Teil überbauten Geländes des großen Kastells Hunneburg sein,
etwa auch die seit langem geplante Wiederaufmauerung der Fundamente des westlichen Kastelltors,
das 1977 / 80 ergraben wurde.


Die Wachttürme auf dem Schrenzer bei Butzbach

Ein Postenweg und Holztürme standen den Wachtsoldaten um 100 n. Chr. für ihren
Dienst an der Grenze zur Verfügung. Nach dieser Grenzsicherung wurden auch
die ersten Holzerdekastelle gebaut.
Als weitere Sicherung der römischen Grenze wurde 120 n. Chr. auf Anordnung von Kaiser Hadrian eine
Palisade erstellt. Spätestens nach 30 - 40 Jahren war die Eichenholzpalisade zerfallen (eine
Eichenholzpalisade wurde 1977 auf dem Schrenzer bei Butzbach erstellt, die nach ca. 30 Jahren abgefault
war). Bei Marköbel in der Wetterau konnte festgestellt werden, dass die vermoderte Holzpalisade
nicht erneuert wurde, sondern man um 180 n. Chr. einen Graben aushob und den Aushub dahinter als
Wall aufschüttete. Wohl um die Mitte des 2. Jahrh. n. Chr. wurden Steintürme gebaut, da die Holztürme durch
die Witterungseinflüsse baufällig geworden waren.

Auf dem Schrenzer steht heute ein Fachwerkturm, der auf einen 1890 von der Reichslimeskommission
angeregten Vorschlag zurückgeht. Die ältere Rekonstruktion des Turms, von dessen ursprünglichem
Vorbild die vier Eckpfosten und Reste eines kreisförmig herumführenden Abwassergräbchens gefunden
wurden, wurde zwischen Mai und November 1899 erbaut. Gegen Ende des 2. Weltkriegs war der Holzturm
bis auf einen Haufen herumliegender vermoderter Bretter nicht mehr vorhanden.
Der heutige Turm wurde von der Stadt Butzbach 1954 in Auftrag gegeben und konnte am 10. 7. 1957
eingeweiht werden. Leider entspricht die Rekonstruktion nicht dem heutigen Wissensstand:
So ist er mindestens ein Stockwerk zu niedrig rekonstruiert, die Holzkonstruktion war in römischer Zeit völlig
anders. Der Eingang war lediglich durch eine Leiter erreichbar und lag im ersten Obergeschoss.
Daneben sind die Fundamente des Turmnachfolgers aufgemauert, eines mächtigen, wohl dreigeschossigen
römischen Steinturms, der die Funktionen des hölzernen Vorgängers im späten 2. Jh. übernahm.

In merowingischer und karolingischer Zeit bis zur Ersterwähnung in schriftlichen Urkunden 773
entwickelte sich Butzbach zu einem größeren Dorf.

Literatur:  Steidl, Bernd, Die Wetterau vom 3. bis 5. Jahrhundert n. Chr., Materialien zur Vor- und Frühgeschichte von Hessen,
Wiesbaden 2000; Schallmayer, Egon, Der Limes. Geschichte einer Grenze. München 2006; Winfried und Gail Schunk, Siedlungen
der Vor- und Frühgeschichte in Butzbach und seinen Stadtteilen, Butzbacher Hefte 5, Butzbach-Griedel 1996.
 

Gewaltsamer Tod
Im 3. Jahrhundert auf dem Tennisplatz in Butzbach-Nieder-Weisel

Im Jahr 2004 fanden Vorbereitungen für die Installation einer Flutlichtanlage auf dem Tennisplatz
in Butzbach-Nieder-Weisel statt. Zum Verlegen der Stromkabel wurde parallel zum Betonfundament
des Zauns, im Abstand von etwa 30 cm, ein 40 cm breiter Graben ausgehoben. Hierbei kamen nahe
der Platzecke Knochenteile im Erdaushub zutage. Ein Facharzt für Orthopädie, der auch Vereinsmitglied ist,
stellte fest, dass es sich um Fragmente menschlicher Langknochen handelte.
Daraufhin wurde die Polizei verständigt, die wiederum die Rechtsmedizin zum Fundort rief.
Das Skelett lag auf einem massiven Fundament aus hellgrauen Quarzitsteinen, die beim weiteren Abtragen
der noch lockeren Einfüllung zum Vorschein kamen.
Bereits beim Bau der Tennisanlage fanden wir unterhalb der Grasnarbe römische Ziegelstücke. Das Gelände
im genannten Bereich weist ein leichtes West-Ost-Gefälle auf. Ein Bachlauf, der Reiserbach, verläuft
von der Fundstelle etwa 20–30 m entfernt in west-östlicher Richtung. In diesen Bach mündete früher
der kleinere Vorderweidbach, der von Nordwesten herangeführt wurde und heute anscheinend verrohrt ist.
Auch südlich des Bachs kamen beim Begehen der Äcker römische Scherben zum Vorschein. Da man davon
ausgehen kann, dass der Bach nicht mitten durch die römische Niederlassung zog, müsste diese, vermutlich
eine villa rustica, auf dem Gelände des heutigen Tennis- und Sportplatzgeländes zu suchen sein.
Die Bundesstraße verläuft etwa 100 m weiter östlich der Fundstelle entfernt; unter ihrer Asphaltdecke
erstreckt sich sehr wahrscheinlich die ehemalige römische Straßentrasse. In unmittelbarer Nähe westlich
der Skelettfundstelle liegen zwei germanische Siedlungsstellen aus der Spätantike, die wir bei Baumaßnahmen
„In den Herrengärten“ und beim Kindergarten dokumentieren konnten.
Das Skelett lag auf Quarzitsteinen, die eine scharfe Kante ausbildeten und vermutlich zu einem Fundament
gehören. Östlich dieses Fundaments stieß man auf römische Ziegel, Terra Sigillata, Fragmente von einfacher
Gebrauchskeramik und einen Spinnwirtel germanischer Herkunft. Dass der Tote – gemäß Geschlechts und
Altersbestimmung ein männliches Individuum von 40–60 Jahren – auf römischen Funden ruhte, erhärtete die
Annahme, dass es sich um einen Angehörigen der gallo-römischen Bevölkerung handelt.
Das Ergebnis der 14C-Untersuchung (Leibnitz Labor für Altersbestimmung und Isotopenforschung der
Christian-Albrechts-Universität Kiel), deren Kosten dankenswerterweise das Museum der Stadt Butzbach
und der Geschichtsverein für Butzbach und Umgebung e. V. übernommen hatte, lieferte hierfür einen weiteren
Anhaltspunkt. Hiernach hatten sich bereits deutliche Hinweise auf einen römerzeitlichen Kontext ergeben,
die durch das anhand der 14C-Datierung gewonnene Zeitfenster, 245–263 n. Chr., bestätigt wurden.
Im Folgenden sei kurz der historische Hintergrund skizziert, der die Umstände des vorliegenden
gewaltsamen Todesfalls ein wenig zu erhellen vermag: Während des krisenhaften, unruhigen 3. Jahrhundert n. Chr.
lebte die in den Nordwestprovinzen ansässige, grenznahe Bevölkerung in ständiger Bedrohung vor den aus
dem Barbaricum einfallenden Germanengruppen, deren Plünderungen Siedlungen, Gutshöfe und auch
Heiligtümer zum Opfer fielen. Meist waren es Franken und Alamannen auf der Suche nach Beute, in erster
Linie Metallgegenstände. Die Provinzialbevölkerung flüchtete auf abgelegene Höhensiedlungen.
Große Furcht herrschte, weil die Germanen auch Gräueltaten begingen, wie z. B. im oberpfälzischen
Regensburg-Harting, wo die Bewohner eines Gutshofs massakriert wurden. Ein ähnliches Drama wie in
Regensburg könnte sich nach den bisherigen Erkenntnissen um 250 n. Chr. auch in dem mutmaßlichen
Gutshof auf dem heutigen Sportgelände von Nieder-Weisel abgespielt haben. Ein germanisches Siedlungsareal
(siehe oben) ist für den Bereich eines heutigen Neubaugebietes belegt, das sich in geringer Entfernung
zu den Tennisplätzen befindet. Die Alamannen errichteten dort Fachwerkbauten zu Wohnzwecken,
so genannte Grubenhäuser wurden von Handwerkern genutzt und Speicherbauten dienten wohl zur
Unterbringung der Ernte.

Literatur:
hessen Archäologie 2007, S. 102 ff., Stuttgart 2008. - H. Bernhard, Niedergang und Neubeginn. Das Ende der römischen
Herrschaft. In: W. Menghin/D. Planck (Hrsg.), Menschen, Zeiten, Räume. Archäologie in Deutschland (Stuttgart 2002) 306–315. –
Fundberichte aus Hessen 36, 1996, 354. – B. Hanemann, Hortfunde, Römerschätze und Alamannenbeute. In: Imperium Romanum:
Römer, Christen, Alamannen – Die Spätantike am Oberrhein (Karlsruhe, Stuttgart 2005) 102–105. – M. Reuter, Leben in römischen
Ruinen, Die germanischen Neueinwanderer in Südwestdeutschland und das römische Erbe In: Imperium Romanum: Römer,
Christen, Alamannen – Die Spätantike am Oberrhein (Karlsruhe, Stuttgart 2005) 111–116. – W. Schunk/G. Schunk,
Alamannische Siedlungen in Butzbach und Nieder-Weisel. In: Siedlungen der Vor- und Frühgeschichte in Butzbach und
seinen Stadtteilen (Butzbach 1996) 151–153.


 

Bügelfibel von Ostheim,
gefunden beim Bau eines Wohnhauses
in der Römerstraße. Die Ostheimer Bügelfibel hatte allerdings 7 Knöpfe auf der Kopfplatte. Sie besitzt
eine ovale Fußplatte, an die sich ein Tierkopf mit planen "Almadinaugen" auf gerasterten Folienblechen
anschließt; außerdem Rankenverzierung und weitere Ornamentierung zu völkerwanderungszeitlichen Gewandspangen
des 6. Jahrhunderts. Auf der Kopf- und Fußplatte ist das dreifach gegliederte Rankenmotiv von einer fein gekerbten,
oder aus aneinandergereihten punktförmigen Erhebungen bestehenden Leiste, sowie von zwei Reihen enggestellter
Niellodreiecke eingerahmt, die ein plastisches zierliches Winkelband einschließen. Dieses Winkelband zeigt sich in
Resten auf der Mittelleiste des Bügels, dessen Seitenflächen von dreifach gegliederten Rankenmustern bedeckt sind, und
auch auf der Mittelseite des Tierkopfes. Halbkreisförmige Liniengruppen ziehen sich längs dieser Leiste hin.

 

773 wird Butzbach schriftlich erwähnt: als Botisphaden und später auch Botinesbach. Der Name Botisphaden wird allgemein als "Zu den Pfaden des Boto" interpretiert. Schenkungen von Rechten und Gütern in Butzbach liegen an das Reichskloster Lorsch vor; ebenso an Fulda, mit eingeschlossen die Kirche. Die Herren von Hagen und Arnsburg hatten zu dieser Zeit die ganze nördliche Wetterau in ihrem Besitz. 1166 nannten sie sich von Münzenberg; sie erbauten etwa 10 Jahre vorher die große staufische Burganlage auf dem Basaltkegel. Es ist durchaus möglich, daß um 1255 ein sog. "Gefolgsmann", die Münzenberger waren ausgestorben, in Butzbach eine kleine Burg betreute, er nannte sich nämlich nach Butzbach. Daraufhin erbten die Grafen von Hanau das Dorf Butzbach: 1256 ließen sie in Butzbach die erste Burg bauen. Die Falkensteiner waren auch Erben der Münzenberger; sie kamen noch vor 1320 in den Besitz von Butzbach. Der Falkensteiner Philipp IV. hatte Großes mit seinem Dorf vor: Es gelang ihm, aus Butzbach einen Mittelpunkt der nördlichen Wetterau zu machen:
Er strebte nämlich Stadtrechte an, die am 10. August 1321 gewährt wurden: vom Kaiser Ludwig der Bayer. Und so auch die Freiheiten, die schon Frankfurt besaß. Eine Stadtmauer und andere Sicherheitsanlagen wurden gebaut. Bereits 1371 wird ein Rathaus erwähnt. Im 15. Jahrhundert hatte Butzbach ca. 2000 Einwohner. Im 14. Jahrhundert bauten die Butzbacher ihre Kirche im gotischen Stil um. Butzbach hatte nun abschreckende Festungsanlagen, einen großen Marktplatz und eine umgebaute Kirche, die der Zeit entsprach. Der Falkensteiner Philipp VII. überbrachte den Stadtherren 1368 das von ihm befürwortete sog. Stadtprivileg. Jetzt erst konnte sich die neue Stadt zu ihren Gunsten in wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht entwickeln. Menschen aller Berufssparten kamen nun nach Butzbach, um ihrer Arbeit nachzugehen: Es waren im 15. Jahrhundert 181
verschiedene Berufe. Herausragende Berufe waren die Wollweber und Tuchmacher: Diese Butzbacher Produzenten waren auf so bedeutenden Märkten wie in Worms und Frankfurt zu finden.
Den ältesten Teil des "Landgrafen-Schlosses" (im Südosten der Ringmauer) ließ um 1390 Philipp VII. von Falkenstein erbauen: Von hier aus gab er bis zu seinem Tode seine Instruktionen an seine Untertanen weiter. 1419 fand eine Erbteilung statt, weil ein Jahr zuvor die Falkensteiner männlicherseits ausstarben. Über das Schicksal Butzbachs entschied damals das Los: Zwei Brüder von Eppstein bekamen ein Drittel von Butzbach. Die Solms-Braunfelser Grafen konnten 1478 eine Hälfte von Butzbach einstreichen, und ein Viertel ein Jahr darauf die Solms-Licher: Zu diesen Erben gehörten noch die Grafen von Katzenelnbogen, ihr Anteil schluckten 1479 die hessischen Landgrafen. Butzbach und einige Nachbardörfer wurden von 1609 bis 1643 von einer Seitenlinie Hessen-Darmstadts regiert: Landgraf Philipp von Hessen-Darmstadt-Butzbach ließ deshalb ein
neues aufwendiges Gebäude mit ebenso umfangreichen Parkanlagen bauen. Was immer wieder gern erwähnt wird, ist die enge Beziehung Philipps zu dem Astronom Johannes Kepler.

Landgraf Philipp von Hessen-Butzbach verhielt sich während des fürchterlichen 30jährigen Krieges neutral, so weit es ihm möglich war. Es gelang ihm, sein Territorium von "Kriegsdrangsalen fern zu halten". 1620 zogen Krieger durch Butzbach auf dem Marsch nach der Pfalz. Die Bürger mußten wachsam sein, um Ausschreitungen dieser Soldaten zu verhindern. Landgraf Philipp starb 1643 an den Folgen einer Verbrennung. Die Hessen-Regierung bemächtigte sich 1741 der Stadt Butzbach.

Der linksliberale Friedrich Ludwig Weidig (1791 bis 1837) prägte mit seinen politischen Ansichten viele Butzbacher, hauptsächlich seine Schüler, Weidig war Pädagoge. Er verfaßte mit Georg Büchner die revolutionäre Flugschrift der "Hessische Landbote".
Auch Butzbach profitierte am Ende des 19. Jahrhunderts von der Industrialisierung: Hingenommen werden mußte dadurch natürlich der Abriß von jahrhundertealter Bausubstanz.

Die im 14. Jahrh. im gotischen Stil
umgebaute Markuskirche in Butzbach.

 

Butzbachs römisches Wahrzeichen: Der falsch rekonstruierte Holzturm auf dem Schrenzer. Im Vordergrund das konservierte Steinturmfandament.



 

 

Butzbach. Kasernenstraße 4, von Johann Christophel Hammerschmidt (1706) erbaut. Fachwerk mit zwei Füllbrettern, die Sonne und Mond darstellen.
Die Butzbacher Wendelinskapelle: Sie ist die älteste Fachwerkkirche Hessens, vielleicht sogar Deutschlands. Eine dendrochronologische Untersuchung verschiedener Balken der Kapelle ergab ein Fällungsdatum von 1438. Das Fachwerk wurde bei der Sanierung 1983 bis 1987 zum Teil ergänzt, da einige verfaulte Balken die Standfestigkeit des Gebäudes nicht mehr gewährleisteten. Vor der Sanierung der Wendelinskapelle wurde eine archäologische Untersuchung der gesamten Innenfläche vorgenommen, die von der Archäologischen Denkmalpflege in Wiesbaden und der Archäologischen AG des Geschichtsvereins Butzbach durchgeführt wurde.
Diese Ergebnisse sehen wie folgt aus: Innerhalb des Grundrisses der Kapelle von 1438/40, wie er sich heute noch zum Teil darstellt, liegt das Fundament eines rechteckigen Gebäudes (unterste Lage), das mit Basaltsteinen erstellt
worden war. Aufgrund der Breite des Fundaments von 0,80 m und keramischer Funde zwischen den Fundamentsteinen, ist eine Bauzeit für dieses Gebäude im frühen 13. Jahrhundert anzusetzen: Es könnte auch schon im späten 12. Jahrhundert entstanden sein. Im damaligen Altarbereich wurden unter dem Basaltfundament des frühen 13. Jahrhunderts ein Pfostenloch und eine Grube freigelegt, die menschliche Knochen, dunklen Humus und ein spätkarolingisches Keramikfragment barg: Dazu gehörte noch eine Torfschicht von 6 bis 7 cm Stärke, die in den Profilen der Kapelle zu verfolgen war und höchstwahrscheinlich einen Holzfußboden darstellte: Dies deutet jedenfalls auf ein noch älteres Gebäude hin, das schon im 10. oder 11. Jahrhundert unmittelbar an der alten Römerstraße gebaut worden war.


Die Wendelinskapelle um 1850


Die Wendelinskapelle nach der
Sanierung 1987





Adressen

1. Vorsitzender des Geschichtsvereins Butzbach:                                 
Dieter Bertram, Pfarrer i.R.
35510 Butzbach-Griedel,
Tel.: 06033/973641

Verantwortlich für den Inhalt dieser Homepage:
Winfried und Gail Schunk
Brudergasse 8
35510 Butzbach-Griedel
E-Mail: winfried.schunk@web.de

Tel.: 06033/65030

Literatur
Siedlungen der Vor- und Frühgeschichte in
Butzbach und seinen Stadtteilen,
in: Butzbacher Hefte 5, Butzbach-Griedel 1996,
ISBN 3-932079-02-7, Afra Verlag,
35510 Butzbach-Griedel, Rockenberger Straße 10
Tel./Fax: 06033/68287

Butzbach-Chronik, Eine Zeittafel für Butzbach
und seine Stadtteile,
Butzbach-Griedel 1994, ISBN 3-923217-82-x.
Afra Verlag, 35510 Butzbach-Griedel,
Rockenberger Straße 10

Einblicke ins Römische Butzbach. Der Butzbacher Raum in der Römerzeit,
Begleitschrift des Museums Butzbach, 1996
Museum der Stadt und Stadtarchiv
35510 Butzbach, Färbgasse 16
Tel.: 06033/65005

Die Wendelinskapelle in Butzbach. Hsg.:
Geschichtsverein Butzbach, Butzbach 1987

L. Horst, Zur Geschichte Butzbachs, vom Mittelalter bis zum
18. Jahrhundert, Butzbach 1971

Neuerscheinung 1998
Gail Schunk-Larrabee

Die Entwicklung der Oberhessischen Keramik
am Beispiel Marburger Bodenfunde

Die Arbeit soll anhand der Leitgruppen - wie Töpfe und Schüsseln -,
die bei Ausgrabungen zutage gefördert wurden, ein Datierungsgerüst bilden.
Das Fundmaterial, das als Basis für diese Arbeit diente, hat die Verfasserin
in den Jahren 1975 bis 1985 selbst ausgegraben und geborgen.
Für fast alle untersuchten Häuser liegen die ermittelten Besitzer mit biographischen
Angaben als auch eine Zusammenstellung der Funde und Befunde vor.
Die angegebenen Daten entsprechen dem Zeitpunkt, zu dem die Funde in die Erde gelangten.

ISBN 3-932079-13-2
Afra Verlag, 35510 Butzbach-Griedel, Rockenberger Straße 10

Bestellungen beim Verlag oder Brudergasse 8, 35510 Butzbach-Griedel.

 

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